Welch’ ein unterirdisches, heimliches Leben spielt sich doch hier unter uns ab. Fast mit jedem Augenblick wird die Situation gespannter. Einige Damen sind, weiß Gott, schon so ermüdet von diesem beständigen so auf der Lauer liegen, daß sie sich ganz unvorsichtig benehmen. Wenn mein Freund nur halbwegs meine Augen im Kopf hat, so muß er es längst bemerkt haben, daß es ihm an den Kragen gehen soll.

Dieses Hin und Her auf dem Schiff. Diese Nervosität in allen Liege- und Lehnstühlen. Nie waren die Garnröllchen so boshaft, nie die kleinen Nähfutterale so heimtückisch. Überall bleiben sie liegen, fallen hin, rutschen durch, springen aus den Fingern heraus oder verstecken sich irgendwo in allen möglichen bunten Lappen- und Fadenwirrnissen. Und diese unbarmherzige Bearbeitung all der kleinen Fußbänkchen. Was ist denn mit ihnen? Bald stehen sie zu weit vorne, bald zu weit hinten, bald sind sie „überhaupt zu unbequem“, fliegen mit einem Schupps zur Seite und gleich werden sie wieder in einer Anwandlung von Reue zurückgeholt und gestreichelt! Haha — wenn man an den Liegestühlen vorbeikommt, wird man ordentlich in Versuchung geführt, die Sprache all dieser wippenden, schaukelnden, schlenkernden Füßchen einmal rund heraus ins Deutsche zu übersetzen! Na, dann würde wohl endlich in die griesgrämigen, stirngerunzelten, großen Stiefel der alten Damen auch ein bißchen Leben kommen. —

Eine famose Entdeckung, eine ganz famose Entdeckung habe ich da im Gespräch mit einer großen brünetten Dame gemacht — ich habe den Namen vergessen.

Sie kommt die Treppe herauf: Ach! Ihre Nähtasche fiel auf die Stufen. Eine kleine Nickelschere und ein Garnröllchen fielen heraus und polterten die Treppe hinunter.

„Mir kommt vor, all unsere Damen sind in den letzten Tagen so nervös geworden“ sage ich und reiche ihr die Sachen zurück.

„Ach, es ist ja aber auch nicht auszuhalten!“ Sie schaute ängstlich neugierig nach den Stuhlreihen. „Ist denn schon etwas passiert?“

„Aber was sollte denn passiert sein?“

„Ach, ich weiß ja nicht. Ewig will mein Mann mit mir über unsere geschäftlichen Angelegenheiten sprechen.“ „Geschäftliche Angelegenheiten“ sagte sie sozusagen in Gänsefüßchen, wie um schon jetzt anzudeuten, daß das etwas wäre, was sie nichts anginge. „Ich verstehe ja davon nichts, gar nichts. Ich halte es nicht aus da unten. Ich muß hier oben sein . . . in der freien Luft.“ Auf ihrem hübschen Gesichtchen war jetzt ein Zug ähnlich dem eines kleinen Schulmädchens, das eine Rechenaufgabe nicht lösen kann und dem die Tränen nahe sind.

„Ja, die freie Luft ist Ihnen auch sicher bekömmlicher als ‚geschäftliche Angelegenheiten‘“.

Sie lächelte mich freundlich an. Offenbar freute sie sich darüber, daß ich an dieses schnell erfundene Märchen von der „freien Luft“ glaubte. Gleich darauf aber, während sie sich wohl wieder ihren Mann bei den „geschäftlichen Angelegenheiten“ vorstellte, kam wieder dieser halb erbitterte, halb leidvolle Ausdruck in ihr Gesicht und sie sagte: „Ja, ich glaube alles mögliche könnte passieren, alles mögliche; mein Gott es ist zu schrecklich mit diesen Männern!“ Wieder standen ihr beinahe die Tränen in den Augen.