„Alle haben es gesagt? So? dann entschuldigen Sie mich einen Augenblick! Mein Gott, das versetzt mich in eine begreifliche Begeisterung.“ Ich ließ Frau . . . Gott, wie hieß sie doch . . . richtig, Frau Sanden stehen, lief in meine Kabine, trommelte mit den Fäusten an die Wand und sang dazu: „Ha, sie halten mich für den Dieb, hallo. Das ist famos. Gut, ich werde meine Rolle spielen. Das ist etwas für mich, einen Dieb zu spielen, haha, das werde ich können, wenn ich auch selber nicht imstande bin, auf anständige Art und Weise eine Apfelsine zu stehlen. Ein Dieb, — famos, ich bin ein Dieb; der Dieb der Gioconda . . . ich werde meine Rolle schon durchführen . . . sie steht mir ja famos diese Rolle . . .“


Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen, ist das der Anfang des Wahnsinns, bin ich irrsinnig geworden? Was geht mit mir vor? Habe ich mich in einen anderen Menschen verwandelt? Bin ich der Dieb des Bildes? Was ist mit meiner Hand, meinen Augen, meinem Körper? Bin ich das noch, der ich hier aus dieser Türe vor einigen Stunden herausgetreten bin? Sind das noch meine Füße, die mich bis an die Treppe geführt haben, wo ich plötzlich ihm begegnete und wo plötzlich diese furchtbare Veränderung mit mir vorging?

Mein Gott, mein Gott, was ist mit mir geschehen? Habe ich mich nicht hier noch vor kurzem vorbereitet, die Rolle des Diebes zu spielen und jetzt, und jetzt — o, mein Gott — mir wird elend und angst, wenn ich daran denke — jetzt bin ich womöglich der Dieb selbst? . . .

Ich will alle meine Kraft — o ich fühle, mir bleibt kaum mehr so viel übrig, überhaupt das Leben zu ertragen — ich bin ja irrsinnig oder ich beginne es zu werden — mein Körper gehört nicht mehr mir, meine Stimme, welch’ eine Stimme kommt aus meiner Kehle — sind das noch meine Hände — ist das meine Haut, dieses dünne eidechsenartige Gewebe auf meinen Fingern? O der Ekel befällt mich, ich muß — hilf mir mein Gott, nein, nein, ich bin nicht der Dieb, nein, ich habe nicht gestohlen, so wahr ich lebe, ich . . .

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(Zwei Stunden später.) Ich will alle Kraft zusammennehmen und das Entsetzliche aufschreiben, vielleicht findet man es nach meinem Tode. Dann wird man sehen können, wie unschuldig ich bin; daß ich nicht das geringste begangen habe, was unrecht ist. Ja, ich will versuchen, mich selbst zu verteidigen, mich gegen mich selbst zu verteidigen. —

Als ich von dem Gespräch mit Frau Sanden in meine Kabine kam, überlegte ich mir, wie ich den Agenten und die Damen und alle Schiffsgäste zum besten halten könnte. Ich wollte mich recht auffallend betragen; wenn noch irgend etwas an ihrer Überzeugung fehlte, daß ich der Dieb sei, so wollte ich es hinzutun. Ich wurde ganz warm bei diesem Gedanken. Ich sah, ich fühlte alle Blicke auf mir; alle sah ich umherstehen und flüstern und überall, wo ich in Gedanken vorbeiging, ließ ich eine Äußerung fallen, machte ich eine eigentümliche Geste, die mich als den Dieb verraten und charakterisieren sollte. Fast ohne daß ich es wußte, verließ ich meine Kabine, ging den Gang hinunter und wollte eben die Treppe emporsteigen, als der Gelbe mir entgegenkam. Er trug etwas Schimmerndes in der Hand, was ich gleich erkannte.

„Ha, da sind Sie?“ Zufällig gebrauchten wir genau dieselben Worte und sprachen sie auf die Sekunde gleichzeitig aus.

„Was haben Sie denn da? Ein altes Schlachtschwert. Wollen Sie jemanden hinrichten?“ Er hatte in der Tat ein großes, mittelalterliches Schwert in der Hand, an dem einige Goldketten herabhingen. Er drängte mir das Schwert in die Hand und indem ich es wog, fühlte ich, daß es sehr schwer war.