Nun ist aber der Mensch, der Träger dieser Empfindungen, selbst kein Einzelwesen, sondern sozial geordnet, Glied einer Gemeinschaft, die in Bedürfnissen, Neigungen, Befriedigungen verflochten und abhängig von allen ihren Gliedern ist. Was wir Stil nennen, bezeichnet die künstlerische Gefühlsgemeinschaft als dem Gefühl des Einzelwesens übergeordnet. Schon oben ergab sich die Wichtigkeit der Eigenschaften des kunstschaffenden Stammes für das Kunstwerk. Sie bedingt es, daß sich italienische Bilder von deutschen oder niederländischen prinzipiell unterscheiden. Noch interessanter ist, daß unser ganzes Stilsystem offenbar nur für die arischen Völker gilt. Ägypten verhielt sich nur ähnlich, aber keineswegs gleich, und wenn es von einer Art Tektonik herkommt, so endet es nicht im Ornament, sondern in dumpfer Schwere. Mesopotamien, Indien, China, Japan, die Negervölker und die amerikanischen Urstämme verhalten sich gänzlich anders.
Und nun kennt die soziale Struktur Entwicklungen von ähnlicher Art wie die Kunst. Ich spreche dabei nicht von der Regierungsform, sondern von der Schichtung des Volkes in sich. Man kann sagen, daß die frühe Antike und das frühe Mittelalter Völkern angehören, deren Aufbau ziemlich einheitlich ist. Große Unterschiede an Besitz und Bedürfnis werden nicht bestanden haben. Gerade daß die Vorrenaissance sich auch hierin etwas anders verhält, erklärt ihre künstlerisch freiere Artung. Später setzen sich Schichten ab, der Besitz sammelt sich in immer weniger Händen, einzelne Schichten sinken auf den Grund, andere tauchen empor, bis schließlich eine dünne Oberschicht über einer großen Masse wenig Begüterter lagert. In ihr sammelt sich nicht nur der Reichtum, sondern auch das Bedürfnis nach Wissenschaft, Prunk und Behaglichkeit. Von solchen Schichtungen ist aber die Kunst direkt abhängig; wenn auch das Schönheitsgefühl des Künstlers ihre Werke schafft, so ist sie doch Ware, abhängig, oft unbewußt, vom materiellen und religiösen Bedürfnis. Dies ist in der Frühzeit einfach und der Gesamtheit gemeinsam, und so erklärt sich ihr geschlossenes Stilbild und die Einfachheit, um nicht zu sagen Armut, seiner künstlerischen Glieder. Aber im selben Maße, wie für die geringer begüterten Volksteile die Kunst überhaupt ausschaltet, wird sie für die Reichen zum Bedürfnis. Jeder tektonische Stil ist echt sozial, weil die Schlichtheit seiner Formen auch dem Ärmsten jede Stilschönheit gönnt und sie auch der letzte Handwerker in gleicher Folgerichtigkeit und mithin Schönheit schaffen konnte, ja mußte. Der ornamentreiche Stil dagegen erlaubt nur dem Begüterten den vollen Genuß seiner Stilschönheit; in ihm werden die Arbeiten des Handwerkers, wie Bauernrokoko und Jugendstil lehren, immer minderwertige Produkte sein, da sein einfacher Sinn ihn die komplizierten Formen nicht in all ihrer Feinheit wird empfinden lassen.
Liegt also der Stilentwicklung ein soziales Gesetz zugrunde, so wäre es nötig, jenes zu begründen, um dieses zu verstehen. Dann wird vielleicht klar werden, warum auch die Geschichte Parallelgänge zeigt, sie, die ja im eminentesten Sinne von der Struktur der Völker abhängt. Es ist eine historische Probe aufs Exempel, daß die großen Völkerkatastrophen, wie die dorische Wanderung, die Völkerwanderung und der Krieg, den wir eben jetzt erleben, genau an dem Punkt stehen, wo eine Stilwelle die andere ablöst.
Verzeichnis der Abbildungen und ihrer Quellen.
| Abb. | Seite | |
| [1.] | Florenz. Palazzo Vecchio. Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft A.-G., Berlin-Steglitz | 6 |
| [2.] | Florenz. Palazzo Strozzi. Nach Photographie von Brogi | 8 |
| [3.] | Rom. Fenster der Cancelleria. Nach Photographie | 9 |
| [4.] | Venedig. Markusbibliothek. Nach Photographie von Brogi | 11 |
| [5.] | Florentiner Truhe. Nach Cornelius, Elementargesetze. 2. Aufl. | 13 |
| [6.] | Ghirlandajo. Abendmahl. Nach Photographie von Alinari | 16 |
| [7.] | Lionardo da Vinci. Das Abendmahl. (Die Veröffentlichung verdanken wir der Freundlichkeit des Herrn Prof. Vogel vom Museum der bild. Künste in Leipzig.) | 17 |
| [8.] | Michelangelo. Erschaffung Adams. (Rom, Sixtinische Kapelle.) Nach Photographie | 19 |
| [9.] | Saalfeld. Rathaus. Nach Photographie von Zedler und Vogel, Darmstadt | 21 |
| [10.] | Albrecht Dürer. Der heilige Hieronymus. Kupferstich | 23 |
| [11.] | Niederrheinische Schnelle. Aus Haendcke, Deutsche Kunst im tägl. Leben. 1908 | 24 |
| [12.] | Dürer. Der Sündenfall. Kupferstich | 26 |
| [13.] | Peter Vischer. Sebaldusschrein (sog. Sebaldusgrab) in Nürnberg, St. Sebald. Nach Photographie | 28 |
| [14.] | Gotischer Pokal von 1462 in Wiener-Neustadt. Nach Photographie | 30 |
| [15.] | Buckelpokal aus Lüneburg. Nach Photographie | 32 |
| [16.] | Zimmer aus Schloß Höllrich. Aus v. Falke, Geschichte des deutschen Kunstgewerbes | 33 |
| [17.] | Lübeck. Täfelung im Fredenhagenschen Zimmer. Nach Lübeck, seine Bauten und seine Kunstwerke | 34 |
| [18.] | Braunschweig. Gewandhaus. Nach einer Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft, A.-G., Berlin-Steglitz | 35 |
| [19.] | Saal im Rathaus zu Danzig. Nach Schultz, Danzig und seine Bauten | 37 |
| [20.] | München. Theatiner-Hofkirche. Äußeres. Photographie G. Stuffler, München. (Nach einer Photographie aus dem Jahre 1769.) | 41 |
| [21.] | München. Theatiner-Hofkirche. Inneres. Nach Photographie | 43 |
| [22.] | Würzburg, Schloß. Gesamtansicht. Photographie Dr. F. Stoedtner, Berlin | 48 |
| [23.] | Würzburg, Schloß. Kaisersaal. Photographie Dr. F. Stoedtner, Berlin | 49 |
| [24.] | Schrank des Barock. Photographie von H. Keller. Aus Danziger Barock, Frankfurt a. M. 1909 | 51 |
| [25.] | Sessel aus dem kgl. Schloß zu Berlin. Nach Graul, das 18. Jahrhundert | 52 |
| [26.] | Delfter Fayencevase. Um 1700. Nach Brinckmann, Das Hamburgische Museum | 54 |
| [27.] | Schlüter. Denkmal des Großen Kurfürsten. Nach einer Aufnahme der Neuen Photographischen Gesellschaft A.-G., Berlin-Steglitz | 58 |
| [28.] | Van Dijk: Johannes der Täufer und Johannes der Evangelist. Photographie von F. Hanfstaengl, München | 62 |
| [29.] | Kommode des Régencestiles. Nach Williamson, Le mobilier national | 65 |
| [30.] | Schloß Amalienburg bei München. Spiegelsaal. Nach Photographie | 67 |
| [31.] | Kaminböcke des Rokokostils in Schloß Fontainebleau | 69 |
| [32.] | Rokokoterrine im Kölner Kunstgewerbemuseum. Nach dem Katalog | 71 |
| [33.] | Lehnstuhl von Jacob. Stil Louis XVI. Berliner Kunstgewerbemuseum. Nach Graul, Das 18. Jahrhundert | 74 |
| [34.] | Chinesische Gefäße in Bronze gefaßt. Stil Ludwig XVI. Paris, Louvre | 75 |
| [35.] | Fontainebleau, Schloß. Arbeitszimmer Napoleons I. Photographie Dr. F. Stoedtner, Berlin | 77 |
| [36.] | Berlin, Neue Wache. Photographie Dr. F. Stoedtner, Berlin | 78 |
| [37.] | J. L. David. Madame Recamier. Paris, Louvre. Nach einer Originalaufnahme von Hanfstaengl, München | 79 |
| [38.] | Möbel des Biedermeierstils. Nach Lux, Von der Empire-Biedermeierzeit. Verl. v. Jul. Hoffmann, Stuttgart | 83 |
| [39.] | Möbel vom Ende des 19. Jahrh. in Pseudorenaissance. Nach Cornelius, Elementargesetze 2. Aufl. | 86 |
| [40.] | Tisch von Majorelle in Nancy. Nach Lambert, Das moderne Möbel auf der Pariser Weltausstellung 1900 | 89 |
| [41.] | Behrens. Turbinenfabrik. Berlin. Aus „Moderne Arbeit“, Hoeber, Behrens | 92 |
| [42.] | Heidrich. Zimmer des Reichskommissars. Brüsseler Weltausstellung 1910. Photographie Dr. F. Stoedtner | 93 |
Druck von B. G. Teubner in Leipzig.
Die Sammlung
„Aus Natur und Geisteswelt“
nunmehr schon über 600 Bändchen umfassend, sucht seit ihrem Entstehen dem Gedanken zu dienen, der heute in das Wort: „Freie Bahn dem Tüchtigen!“ geprägt ist. Sie will die Errungenschaften von Wissenschaft, Kunst und Technik einem jeden zugänglich machen, ihn dabei zugleich unmittelbar im Beruf fördern, den Gesichtskreis erweiternd, die Einsicht in die Bedingungen der Berufsarbeit vertiefend.
Sie bietet wirkliche „Einführungen“ in die Hauptwissensgebiete für den Unterricht oder Selbstunterricht, wie sie den heutigen methodischen Anforderungen entsprechen. So erfüllt sie ein Bedürfnis, dem Skizzen, die den Charakter von „Auszügen“ aus großen Lehrbüchern tragen, nie entsprechen können; denn sie setzen vielmehr eine Vertrautheit mit dem Stoffe schon voraus.