Gar zu lang konnte die Zeit bis zu seiner völligen Wiederherstellung nicht mehr dauern; vierzehn Tage vielleicht, höchstens drei oder vier Wochen. War er dann abgereist, so würde sie im Verkehr mit Josefa und im stillen Genuß ihrer Lieblingsautoren, die sie so manchmal getröstet hatten, das Gleichgewicht ihrer Seele schon wiederfinden.

Also die Trennung! So weit war es mit ihr gekommen, daß sie nur in der Trennung noch die Möglichkeit eines Heils erblickte!

Ihr Stolz rebellierte, und gleichzeitig fühlte sie ein unermeßliches Weh …

Gab es denn gar keinen Ausweg? Somsdorff war so klug und so gut … Konnte sie nicht in etwas dieses erhöhten und vergeistigten Lebens teilhaftig werden, das von ihm ausstrahlte? Konnte sie nicht den Sturm seiner Leidenschaft ein für allemal brechen, ihn durch die ruhige Energie ihres Wollens gleichfalls zur Ruhe zwingen? Wie? Sollte im Ernst eine Freundschaft zwischen Leo und ihr, eine echte, selbstlose Herzensgemeinschaft, die nirgends die Pflicht verletzte und keine Sünde bedeutete, ewig unmöglich sein?

In diesem Moment schlug Somsdorff die Augen auf. Adele fuhr heftig zusammen, als ob ein Späher sie bei ihren tiefsten Geheimnissen überrascht habe.

Drunten vom Park her vernahm sie die Stimme Josefas, die, von Miß Harriet geführt, durch die breite Allee rechts von dem Teiche daher kam.

Die Gräfin erhob sich – errötend, erbleichend und so verwirrt, daß sie nicht einmal einen Vorwand suchte, um Herrn von Somsdorff so plötzlich allein zu lassen. Barhäuptig, ohne Schirm, schritt sie die Treppe hinab, durchquerte den freien Platz, auf dem noch in voller Glut die Nachmittagssonne lag, und eilte dem Kind entgegen, das mit den Worten: »Mama, liebe Mama!« auf sie zusprang und sie umhalste.

Leo von Somsdorff sah durch die Säulen hindurch, wie leidenschaftlich die junge Frau ihr Töchterchen herzte und küßte, inbrünstig, als sei es – halb schon verloren geglaubt – ihr eben erst wieder geschenkt.

»Aber Mamachen, du thust mir ja weh!« sagte das Kind verwundert.

Und wieder küßte sie ihm die Stirn und die Wangen und nahm es dann fest und weich in den Arm, wie sie es früher so oft gethan, wenn sie das Baby zur Dämmerzeit in den Schlaf wiegte.