Er sprach nicht mehr; es war, als habe er mit dem einen flammenden Blick alles gesagt, was er ihr sagen wollte; ja, als besorge er, durch den Klang eines überflüssigen Wortes die Stimmung dieser Minute rauh zu verwischen. Und da er nicht sprach, und Adele mit ihrer Nadel ein sanft monotones Geräusch machte, das sich vom Rauschen der Baumwipfel abhob wie ein milder Diskant von den Accorden des Basses, so überließ sich Leo einem Gefühle wohliger Rast und hoffnungsfroher Geborgenheit, das ihn schneller als sonst entschlummern ließ.
Nun legte die Gräfin, starr auf den Schlafenden hinblickend, die Rechte mit der kaum angefangenen Stickerei in den Schoß, während sie mit der Linken den Kopf stützte.
Sie wußte jetzt, daß sie für Leo etwas empfand, was sie zuvor niemals empfunden hatte, selbst nicht in den Tagen der Illusion, da sie von Gerolds uneigennütziger Liebe fest überzeugt war. Und sie gestand sich blutenden Herzens, dieses Etwas müsse das Glück sein, das vollkommene, göttliche, das sie bis jetzt nur im Traume gesehen! Leo von Somsdorff hatte sich eigentümlich umgestaltet; sie meinte: veredelt. Die Blässe, die noch immer nicht weichen wollte, verlieh seinen Zügen etwas Rührendes, Herzbewegendes. Früher hatte zuweilen ein Hauch von Schroffheit und Egoismus um seine Lippen gespielt. Als er ihr damals mit so bedenklichem Ausdruck von der Glut seiner »bewundernden Sympathie« gesprochen, blitzte in seinen Augen sogar etwas Teuflisches, was sie tödlich erschreckt hatte. Jetzt aber schien das alles wie von Schleiern umhüllt, im Glanz einer bläulichen Mondnacht dahinschmelzend, ohne Härte und Starrheit. Adele bangte nicht mehr vor dem eigentümlichen Dämon hinter der Stirne des jungen Mannes: sie bangte jetzt nur vor sich selbst.
Das Verhalten ihres Gemahls seit der Verwundung Leos steigerte ihre Furcht. Graf Gerold bot ihr so gar keine Handhabe, um sie von dem gähnenden Abgrund, an dessen Rand sie sich fühlte, zurückzuziehen!
Daß Leo sie liebte, hatte sie nie so deutlich empfunden als jetzt. Die Liebe trug nur einstweilen noch die Vermummung der Dankbarkeit. Aber wie lange würde das dauern?
Ein paar Sekunden lang zuckten ihr schauerlich süße Gedanken durchs Hirn, die sich durch keine Kraft der Selbstbeherrschung bannen und bändigen ließen.
Wär' ich noch frei! Hätt' ich den andern niemals kennen gelernt! Zu spät!
Sie malte sich dieses Glück, das sie verfehlt und versäumt hatte, mit den brennendsten Farben und erstarrte dann plötzlich in dem Gefühl: Du sündigst!
Ja, schon der Gedanke war Frevel! Je mehr ihr grauste in dem Bewußtsein der Unwiderruflichkeit, je trostloser die Atmosphäre ihr dünkte, in der sie bis dahin geatmet hatte, um so fester stand ihr Entschluß, auch nicht um Fingersbreite vom Pfad ihrer Pflicht abzuweichen. Mochte Graf Gerold der Unerschütterlichkeit ihrer Treue nicht wert sein: sie hielt diese Treue sich selbst und dem Licht ihres Lebens, dem schuldlosen Kinde, dem sie dereinst frei in das Auge schauen, vor dem sie nicht heimlich erbeben wollte, wie Judas Ischariot unter dem trauernden Blicke des Heilands.
Sie nahm sich vor, bei Herrn von Somsdorff auch nicht den leisesten Schatten von dem zu dulden, was wie der Anfang einer unerlaubten Huldigung aussah; ihn kühler und förmlicher zu behandeln, als sie bisher es im stande gewesen; vor allem jedoch so selten als möglich mit ihm allein zu sein.