Der Champagner, den Graf Gerold sonst nur in Ausnahmefällen trank, fehlte jetzt weder mittags noch abends; und zwar bevorzugte man die allerkräftigsten Marken. Aehnliches galt vom Rheinwein, obschon hier manchmal ein etwas leichterer Tropfen mit durchschlüpfte, sowie von den reichhaltig vertretenen französischen Rotweinen.
Vier Tage nach der Rückkehr des Grafen hatte der Kutscher am Bahnhof zu Hoyersbrück sehr fidelen Besuch abgeholt: die Freiherren von Steinitz, Vater und Sohn, die allem Anschein nach trefflich in die Zerstreuungsperiode Gerolds hineinpaßten.
Freiherr von Steinitz der Aeltere war ein pensionierter Major, einige fünfzig Jahre alt, seit zwölf Jahren Witwer, Lebemann ohne höhere Interessen, von etwas geräuschvoller Lustigkeit, als Gesellschafter »unbezahlbar«.
Sein Sohn Friedrich, Ende der Zwanziger, hatte ein paar dieser schätzbaren Eigenschaften vom Vater geerbt, nur daß er weit eleganter und dem Ernste des Lebens vielleicht noch abholder war als der Papa. Wenn er lachte oder nur lächelte, zeigte er unter dem blonden, sorglich gepflegten Schnurrbart zwei Reihen tadellos schöner Zähne, und rechts und links von den rotblühenden Lippen zwei reizende Grübchen. Ein liebenswürdiger, aber gefährlicher Leichtsinn strahlte in den lebendigen Augen, die so blau und so treuherzig dreinschauten wie schuldlose Veilchen und beim Genuß alkoholreicher Getränke einen feuchtwarmen Schimmer bekamen. Kurz, er gehörte zu jenen Erscheinungen, die im Ballsaal Dutzende unbewachter weiblicher Herzen zu glühender Sehnsucht aufstacheln, von der Mehrzahl schon bei der zweiten Begegnung ruhiger verlassen werden, hier und da aber doch ein betrübsames Unheil anstiften, da sie – überglücklich in dem Gefühl der eignen Vollkommenheit – selbst der bezauberndsten Anmut und Schönheit gegenüber vollständig kalt bleiben, bis schließlich trotz alledem eine, die weder die Hübscheste noch die Klügste zu sein braucht, dem lockeren Vogel gehörig die Schwingen stutzt.
Mit diesen zwei Kavalieren vergnügte sich Gerold so ausgiebig, daß Gräfin Adele zunächst kaum eine Vermehrung ihrer Repräsentationslast verspürte, zumal der Graf ihr im Beisein der Herren ausdrücklich gesagt hatte: »Pfleg du nur den Jungen, den Somsdorff, daß er sich endlich aus dieser traurigen Lethargie aufrafft! Ich glaube, Doktor Michalsky nimmt ihn zu schwer. Das bißchen Blässe und Hinfälligkeit wird sich schon geben, wenn er nur erst einmal wieder zu Pferde sitzt und einen tüchtigen Trunk thut!«
Dann, zu dem pensionierten Major gewendet, hatte er fortgefahren: »Er ist ein prächtiger Mensch, der Leo von Somsdorff. Jetzt freilich scheint er wie auf den Mund geschlagen. Der Arzt muß ihm nächstens wieder erlauben, mit uns zu Tisch zu gehen. Dies öde Herumliegen auf der Veranda drückt ihm die Nerven.«
Steinitz der Vater nickte, während Steinitz der Sohn ein wenig den blonden Schnurrbart zwirbelte und so ein kleines perfides Lächeln verdeckte, das da besagte: »Herr von Somsdorff wird seine Gründe haben, sich so in der Einsamkeit der Veranda verhätscheln zu lassen!«
Die Herren von Steinitz wohnten in Zeschau, wo Friedrich der Sohn sich angeblich mit der Verwaltung des Zeschauer Grundhofs, eines ihm testamentarisch vermachten Landguts, befaßte, das früher sich im Besitz einer Seitenlinie befunden hatte. Kurz nach der Ankunft der Kavaliere erhielt die Gräfin einen mit »Zeschau« gestempelten Brief, worin eine ihr halb schon entschwundene Jugendfreundin, Gertrud Mettenius, die früher geleisteten Schwüre unwandelbarer Geneigtheit stürmisch erneuerte, brennende Sehnsucht nach einem Wiedersehen verriet und am Schluß in die Worte ausbrach: »Wenn Du mir also nicht abtelegraphierst, komme ich übermorgen!«
Schloß Authenried-Poyritz war auf Meilen in die Runde für mehr als gastfrei bekannt. Gräfin Adele, obwohl sie den Ton dieses Briefes nicht eben sympathisch fand, konnte also nicht Nein sagen. Sie telegraphierte sofort, daß man sich herzlich auf den in Aussicht gestellten Besuch freue, und bat um Antwort, mit welchem Zuge man Fräulein Mettenius erwarten dürfe.
Die Auskunft lautete prompt: »Ich reise noch heute und bin um neun Uhr fünfzehn in Hoyersbrück.«