Fräulein Gertrud Mettenius kam, sah und siegte. Nicht nur, daß sie sich sofort eine sehr günstige Allgemeinposition schuf: auch im besondern schien sie dem leicht zu durchschauenden Ziel, das sie verfolgte, rasch näher zu kommen.
Gertrud Mettenius war bis über die kleinen rosigen Oehrchen verliebt in Friedrich von Steinitz. Die Anwesenheit dieses Edelherrn auf Schloß Authenried-Poyritz hatte auch sie hergelockt; und mit der ganzen kernigen Resolutheit, die ihr zu eigen war, ging sie ans Werk, den unbeständigen, farbenschillernden Schmetterling, der zunächst noch ahnungslos flatterte, in ihr Netz zu bekommen, ohne bei diesem Fang die Grenzen der Weiblichkeit allzusehr zu verletzen.
Im ersten Moment hatte sie meisterlich die Verblüffte gespielt.
»Sie hier? Ich ahnte nicht, daß Sie mit Authenrieds so befreundet sind! Die Welt ist wirklich ein bißchen eng: man kommt von Zeschau und trifft hier Zeschau! Aber ich lass' mir die Ueberraschung gefallen! Ihr lieber Papa ist ein so reizender Herr, und Sie, wenn Sie wollen, haben auch das Talent …«
So ging's eine Weile fort, harmlos und äußerlich unbefangen, wie im Verkehr mit guten Bekannten, die man im übrigen ebenso leichtblütig verschmerzt als genießt. Und diesen glücklich gewählten Ton behielt sie auch späterhin bei, so daß Friedrich von Steinitz, aller schweren Indizien ungeachtet, wirklich im Zweifel darüber blieb, was Gertrud im Schild führte. Manchmal hatte der sonst so zuversichtliche junge Mann das Gefühl, als mache sich Fräulein Mettenius über ihn lustig, oder als sei sie bestrebt, ihn bloß zu schnöden Dekorationszwecken an ihren Triumphwagen zu schirren – beides Vermutungen, die ihn heimlich empörten, sein Interesse für das lustige, frische und eigenartige Mädchen jedoch fortwährend steigerten.
An dem Nachmittage, der jetzt seine schräger und schräger fallenden Strahlen durch den Fichtenbestand am Proserpinahügel goß, war Graf Authenried mit Fräulein Gertrud Mettenius und den beiden Baronen im offenen Jagdwagen über Land gefahren. Leo durfte der Vorsicht halber an dieser Partie nicht teilnehmen, und Graf Authenried selbst hatte seine Gemahlin ersucht, ihrem »Schützling« Gesellschaft zu leisten. Gräfin Adele willfahrte diesem Wunsch um so lieber, als ihr die breite, wortreiche Jovialität des Majors wenig erbaulich war, zumal dieser Herr sich neuerdings vorzugsweise zu ihr kehrte, wenn er aus dem unerschöpflichen Schatz seines Wissens eine windschiefe Anekdote zum besten gab oder, plötzlich mit einiger Anstrengung ernst werdend, von dem erhabnen Berufe der deutschen Frau sprach.
Uebrigens war Gräfin Adele ja fest überzeugt, das ungestörte Alleinsein mit Leo, das sich ergab, sobald sie daheim blieb, sei jetzt vollkommen gefahrlos.
Sie glaubte dies nicht nur deshalb, weil sie ihrerseits von der Unerschütterlichkeit ihres Pflichtgefühls heilig durchdrungen war, sondern ebensosehr im Hinblick auf das Verhalten Somsdorffs. Dieses Verhalten nämlich machte durchaus den Eindruck, als sei die anfangs so leidenschaftlich erregte Seele des jungen Mannes endgültig auf eine ruhige, wunschlose Freundschaft gestimmt.
In Wahrheit jedoch hatte sich nichts an der tollen Verliebtheit Somsdorffs geändert. Im Gegenteil: wenn ihn die ersten Stadien der Rekonvalescenz in das Fluidum einer halb mit Dankbarkeit untermischten sanfteren Schwärmerei getaucht hatten, so war in den letzten Tagen wieder die alte dämonische Glut erwacht, die um jeden Preis vorwärts drängt, die kein Hindernis kennt und noch jubelt, wenn sie auf rauchenden Trümmern ihre Standarte aufpflanzt. Nur daß Leo von Somsdorff jetzt gründlicher mit dem Terrain vertraut war, und demgemäß die Kriegslist für zweckentsprechender hielt als den offenen Angriff.