Er wußte jetzt, daß Adele ihn liebte – trotz der machtvollen Energie, mit der sie gegen dies Schicksal angekämpft hatte. Sein Instinkt empfahl ihm, diese Energie nicht durch verfrühte Erneuerung eines Sturmes zu steigern, sondern sich vorläufig in die Rolle zu fügen, die Adele ihm stillschweigend angewiesen hatte: in die des ehrlichen, taktvollen Kameraden, mit dem sich alles besprechen läßt, bis auf den einen verfänglichen Punkt.
Sie saßen jetzt auf der steinernen Bank zwischen den stark duftenden blütenbesäten Jasminsträuchern und führten – Gott mochte wissen, wer das Thema in Fluß gebracht hatte – einen schwermutsvollen Dialog über zerstörte Hoffnungen, innere Vereinsamung und die Mittel, den Regungen einer oft gegenstandslosen Melancholie den Stachel zu nehmen.
Leo betonte den Wert einer regelmäßigen, rein praktischen Arbeit und kam so, die Bedeutung der Wissenschaft, der Kunst und der Geselligkeit streifend, bei seinem Lieblingsproblem, der echten und opferwilligen Freundschaft, an.
Adele, gedankenvoll zwischen den Birkenstämmen hinaus in die Ferne starrend, warf, da er jetzt einen Augenblick schwieg, ein Wort ein, das die kleine Josefa betraf. Auch zwischen Mutter und Kind herrsche ja eine Art Freundschaft, die zur Grundlage die Natur, als Bedingung ihres Gedeihens aber die stete Wechselbeziehung der Herzen, die Gemeinschaft aller Interessen, die Selbstlosigkeit der gegenseitigen Hingebung habe, namentlich wenn erst das Kind ein gewisses Alter erreiche. Glücklich die Tochter, die als erwachsenes Mädchen, als Frau noch in ihrer Mutter die beste Freundin erblicke, und glücklich die Mutter, der eine solche Tochter beschert sei. Dieses Ziel zu erreichen, sei ihr, der Gräfin, heiligstes und höchstes Bestreben.
Somsdorff, der auf die kleine Josefa längst schon eifersüchtig war, wie auf einen begünstigten Nebenbuhler, verzog ein wenig die Brauen, bezwang jedoch seinen Mißmut und fand einen Uebergang, der das Gespräch sofort wieder von diesem Kind ablenkte, ohne daß Gräfin Adele die Absicht herausgefühlt hätte.
Er ward beinahe sentimental. Mit vollen Herzenstönen pries er die unbeschreibliche Wonne, die einem edel veranlagten Menschen daraus erwächst, daß er bei Geistesverwandten echtes Verständnis für seine Interessen findet, für die heimlichen Schwärmereien vielleicht, die von der Masse verkannt oder bespöttelt werden.
Nachgerade trieb er im Fahrwasser einer Romantik, die auf Adele nicht ohne Einfluß blieb.
Immer nur Freundschaft predigend, faßte er wie ein Prophet, der seiner Verzückung nicht Herr ist, die schlaff im Schoße liegende Hand der Gräfin, sanft, ohne Druck, beinahe traumhaft. Diese Hand, die sich ihm nicht entzog, bebte ein wenig. Und jetzt glaubte er wahrzunehmen, wie die standhafte junge Frau, von dem Klang seiner Stimme, dem Zauber der krystallklaren Luft, dem süßbetäubenden Hauch der Jasminblüten unwiderstehlich verlockt, schwach zu werden begann.
Da neigte er sein glühendes Antlitz zu ihrem Ohr und sagte tonlos: »Adele, ich liebe dich!«
Die Gräfin, überwältigt von einem tödlich süßen Gefühl der Glückseligkeit, ließ den Kopf schauernd zurücksinken. Somsdorff, heiß, atemlos, warf einen hastigen Blick in die Runde. Nirgend ein Späher! Das Kind war für Augenblicke hinter dem Kleinholz verschwunden. Noch eine Sekunde – und Somsdorff hätte die Willenlose an sich gerissen und ihren halbgeöffneten Mund, rasend vor Leidenschaft, mit Küssen bedeckt.