»Amüsiert euch gut!« sagte der Graf und stülpte den braunen Filz mit den Spielhahnfedern über das volle, etwas ungebändigte Haar. »Gegen halb neun bin ich, so Gott will, zurück! Somsdorff, ich bitte mir aus, daß Sie nicht gar zu viel musizieren und Litteratur schwatzen, wenigstens nicht vor den Bücherregalen! Führen Sie meine Frau hübsch hinaus in den Park; meinetwegen nach Gehlberg oder den Fluß entlang! Von dem ewigen Sitzen wird sie noch melancholisch. Hörst du, Adele? – Adieu! Adieu, lieber Somsdorff! Adieu, Kleine! Adieu, Miß Harriet!«

Das alles ward eilig und wie im Bann einer gewissen Zerstreutheit hervorgestoßen. Die letzten Worte galten der fünfjährigen Tochter des Hauses und ihrer englischen Gouvernante, die sich jetzt ehrerbietig verneigte, nachdem die Thüre längst schon hinter dem Grafen ins Schloß gefallen. Das Kind hatte nur flüchtig genickt und »Gute Reise!« gemurmelt; es mochte wissen, daß sein Papa kein Freund von Umarmungen und ähnlichen Sentimentalitäten war, besonders nicht, wenn er sich so mitten im Strudel seiner »fachmännischen« Interessen befand.

Und diese Interessen nahmen ihn jetzt wieder völlig in Anspruch. Mit Leib und Seele ritt er sein Steckenpferd, über dem er fast alles vernachlässigte, was sonst den Menschen wichtig und teuer ist: die leidige Numismatik.

Gräfin Adele wenigstens hatte der sonst so harmlosen Wissenschaft dieses Epitheton beigelegt: denn die Münzkunde verschlang bei Gerold Graf Authenried mehr und mehr den Gatten, den Vater, den Menschen.

Es war eine Monomanie, gegen die sich mit ruhiger Vernunft ebensowenig ankämpfen ließ, als mit Freundlichkeit oder vollends mit Trotz. Ab und zu ebbte die Monomanie; dann kamen Tage der Ausspannung, die der Geselligkeit und dem Sport, vornehmlich der Jagd, gewidmet, oft auch mit Zechgelagen und sonstigem unerquicklichen Treiben ausgefüllt wurden. Für die Familie aber hatte Graf Gerold nichts übrig; sobald er sich mit Adele und seinem Töchterchen auch nur für Stunden allein sah, ergriff ihn eine seltsame Unrast, ein Drang, diesen Kreis zu erweitern, Elemente hereinzuziehen, die ihn besser und stärker beschäftigten, als die sanfte, in seiner Gegenwart etwas schweigsame Frau und das blonde, plappernde Püppchen. Uebrigens fing auch die kleine Josefa schon an, ihr lebhaftes Plauderbedürfnis einzudämmen, sobald sich der Vater zeigte, und ganz zu verstummen, sobald sie ihn unter dem Bann seiner Numismatik wußte. Die fremde Vokabel war ihrem Ohre geläufig geworden, noch eh' ihre Lippen sie aussprechen konnten.

Graf Authenried wollte über Hoyersbrück nach Groß-Zeschau, der benachbarten Kreisstadt, wo vor kurzem der alte Rektor der berühmten Lateinschule Alma Ruperta, Professor Doktor Justus Spelhagen, Verfasser eines epochemachenden Werkes »De aureo Caracallae«, verstorben war und eine zwar kleine, aber sehr wertvolle Münzsammlung hinterlassen hatte, die heute zur öffentlichen Versteigerung gelangte. Der Pfarrer von Hoyersbrück, der sich gleichfalls für Numismatik interessierte, hatte den Grafen zuerst auf diese schöne Gelegenheit, sein Münzkabinett zu vergrößern, aufmerksam gemacht und sich erboten, ihn nach dem Schauplatze der Auktion zu begleiten, was Authenried mit großer Lebhaftigkeit acceptierte, schon deshalb, weil er so während der mehrstündigen Fahrt im Coupé einen Genossen hatte, mit dem er den Katalog der Sammlung ausführlich besprechen und Ansicht um Ansicht verständnisvoll austauschen konnte.

Auch Leo von Somsdorff, der jetzt mit Gräfin Adele, der kleinen Komteß und der englischen Gouvernante im Speisezimmer zurückblieb, war nur auf dem Wege über die Numismatik in die bevorzugte Stellung aufgerückt, deren er sich bei Graf Authenried unleugbar erfreute. Somsdorff war Diplomat und Historiker. Mehrere Jahre lang der deutschen Botschaft in Sankt-Petersburg attachiert, hatte er dort die geschäftliche Praxis, vor allem aber das flirrende, von schalster Genußsucht durchsetzte Treiben der Petersburger Gesellschaft so gründlich kennen gelernt und mit so großem Erfolg die Rolle des eleganten Eroberers gespielt, daß ihm dies ganze zwar emotionsreiche, aber innerlich öde Leben plötzlich zuwider ward. Er nahm seinen Abschied, fest entschlossen, so bald als möglich zu heiraten und sich dann irgendwo als Privatdozent für neuere und neueste Geschichte zu habilitieren. Carriere im gewöhnlichen Sinne des Wortes brauchte er nicht zu machen; im Besitz eines ansehnlichen Vermögens war er vollständig unabhängig.

Da vertrat ihm das Schicksal in Gestalt der Gräfin Adele unerwartet den Weg, den er sich vorgezeichnet. Bei einem Diner in der Hauptstadt, wo sich die Authenrieds während der hohen Saison aufhielten, hatte er die kaum dreiundzwanzigjährige Frau kennen gelernt, und schon in der ersten Minute all seine trefflichen Vorsätze über Bord geschleudert. Das hübsche, hochblonde Mädchen, das ihm die Dame des Hauses nicht ohne Absicht als Partnerin zugeteilt hatte, fand ihn an diesem Tag von empörender Monotonie; die andere Seite, ein übermütiges junges Geschöpf, das allenthalben Triumphe zu feiern gewohnt war, urteilte noch vernichtender. Selbst der Hausfrau, die doch um zehn oder zwölf Plätze von Somsdorff entfernt saß, entging es nicht, daß der sprühende Kavalier, der sonst mit tändelnder Leichtigkeit ein ganzes Kollegium von Damen zu unterhalten wußte, diesmal völlig verwandelt schien und erst gegen Schluß der Tafel – nachdem er sich insgeheim einen Feldzugsplan zurechtgelegt hatte – wieder ein wenig auftaute.

Dieser Feldzugsplan paßte weit mehr zu dem Geist und der Tonart seiner Sankt-Petersburger Vergangenheit, als in den ernst-idyllischen Traum des deutschen Privatdozenten. Ein dunkles Gefühl, daß sein Rückfall etwas Beschämendes habe, drückte ihm zwar zu Anfang die Brust; als er jedoch, während der Kaffee gereicht wurde, neben dem Sessel Adelens wie zufällig Platz nahm und mit jeder Minute andachtsvoller dem Klang ihrer Stimme lauschte, die so reich und so klar an sein Ohr schlug, und dennoch wieder so mild verschleiert, wie ein süßes Geheimnis: da war es aus mit den letzten Zuckungen seines Gewissens; der Don Juan von einst lebte mit drohender Allgewalt wieder auf; die Leidenschaft schlug ihm in rasender Lohe über dem Haupt zusammen.

Natürlich war er ja Menschenkenner genug, um sich zu sagen, daß diese Frau nicht in eine Kategorie gestellt werden dürfe mit den halbasiatischen Edeldamen, die sich ihm häufig genug an den Hals geschleudert, noch eh' er mit einigem Ernste um sie geworben hatte. Aber die wundersamen Erfahrungen in der russischen Metropole hatten ihn doch zu gründlich verdorben, als daß er die Möglichkeit eines Mißerfolges überhaupt erst in Frage gezogen hätte. Dort gab es nur offene Städte, hier stand er einer wohl verteidigten Festung gegenüber; er mußte die Taktik ändern: das war der Unterschied.