Je länger sein Zwiegespräch mit Gräfin Adele sich ausdehnte – man ließ die beiden geflissentlich ungestört – desto entschiedener kam er zur Ueberzeugung, daß hier die äußerste Vorsicht geboten sei. Jede Leichtfertigkeit des Tons, jede sonst vielleicht zündende Keckheit schien ausgeschlossen. Trotz der lebhaften Teilnahme, die sie bekundete, wenn er ihr, fast wider Willen ernst werdend, seine Ideen über Gesellschaft und Litteratur, über Leben und Kunst, über Menschen und Dinge entwickelte, trotz der Wärme, die manchmal blitzartig ihren herrlichen Augen entstrahlte, war doch die Gräfin ganz offenbar von jener Unnahbarkeit eingehüllt, die sich nicht wehren zu müssen glaubt, weil der Gedanke des Angriffs ihr vollständig fern liegt.
Somsdorff durchschaute das schließlich; doch die Erkenntnis heilte nicht seine Leidenschaft. Im Gegenteil: je mehr er die Schwierigkeit dieser Eroberung einsah, um so glühender sann er auf ihre Verwirklichung. Die Eitelkeit des verwöhnten Frauenlieblings bäumte sich auf; die halbe Stunde, die er mit Gräfin Adele verplaudert hatte, war ausreichend gewesen, um den leidlich vernünftigen Freiersmann in das klägliche Wirrsal einer längst überwundnen Epoche der Frivolität und der Haltlosigkeit zurückzuschleudern.
Den Rest des Tages verbrachte er fast ausschließlich in der Nähe des Grafen Authenried. Mit der Findigkeit des Verliebten hatte er sofort ausgespürt, wo der Herr Graf am schnellsten zu packen sei, was ohnedies nicht schwer hielt, da dieser widerspruchsvolle Sonderling, der sonst so verschlossen war, just in dem einen Punkte das Herz auf der Zunge trug. Somsdorff besaß schon als Historiker immerhin mehr numismatisches Wissen, als die meisten Personen, die Gerold mit irgend einem interessanten oder uninteressanten Problem festzunageln versuchte. Kurz, beim Abschied in der Garderobe war die »Freundschaft« zwischen den beiden Männern so gut wie besiegelt, und Somsdorff hatte dem Grafen versprechen müssen, im Frühjahr nach Schloß Authenried-Poyritz zu kommen, um die gräfliche Sammlung und die nicht minder merkwürdige Bibliothek zu bewundern.
Das hatte sich in den letzten Tagen des März ereignet. Anfang April war die Familie Authenried nach Paris und von da nach Brüssel gereist, wo der Graf allerlei wissenschaftliche Zwecke verfolgte, während die Gräfin mit großem Eifer nach einer französischen Gouvernante suchte, einem Gegenstück zu der vortrefflichen, anspruchslosen und äußerst zuverlässigen Engländerin Miß Harriet. Die Gräfin hegte nämlich die Ansicht, es sei für ihre Josefa zweckmäßig, beide Sprachen frühzeitig nebeneinander zu hören, und ihr Gemahl, obschon er diese Meinung nicht teilte, ließ ihr in allen Erziehungsfragen vollständig freie Hand. – Adele fand nicht, was sie beanspruchte; bei der unendlichen Zärtlichkeit ihres Mutterherzens legte sie an den Charakter und das Wesen der Damen, die ihr in Vorschlag gebracht wurden, einen vielleicht gar zu kritischen Maßstab. Um so befriedigter schien der Herr Graf. Die Herren vom Institut de France, denen er seine Aufwartung machte, waren die Liebenswürdigkeit selbst gewesen, sehr im Gegensatze zu einem berühmten deutschen Professor, der ihn, bei aller äußern Höflichkeit, nicht hinlänglich ernst genommen, sondern sogar das impertinente Wort »Dilettant« gebraucht hatte. Auch in Brüssel war ihm das meiste nach Wunsch gegangen, bis auf die gar zu kostspielige Erwerbung einiger Prachtstücke, die jetzt allerdings zu den Perlen seiner famosen Sammlung gehören und dem Somsdorff kolossal imponieren würden.
Kaum auf Schloß Authenried-Poyritz angelangt, schrieb er dem jungen Historiker, – und zwei Tage später, am zehnten Mai, langte der ehemalige Attaché, alle Träume seiner Petersburger Vergangenheit in der Seele, mit Sack und Pack an.
»Ein paar Wochen müssen Sie bleiben!« hatte der Graf geschrieben, – und »Nur zu gern!« dachte der fieberglühende Unhold, als bei dem Namen »Graf Authenried« die schlanke, volle Gestalt Adelens mit den tiefschwarzen Augen und dem bezaubernden Lächeln um den süßen, küßlichen Mund lebenswahr vor ihm auftauchte.
Nun war er fast eine Woche schon hier, hatte die Sammlung des Grafen Stück für Stück eifrig studiert und glossiert, einen Enthusiasmus entwickelt, der selbst dem Grafen manchmal zu stark erschien, und sich mit jedem Tag unauflöslicher in das Netz verstrickt, das die Schönheit und mehr noch die undefinierbare weibliche Anmut Adelens über sein thörichtes Herz warf.
Merkwürdigerweise hatte der Graf seinen Gast während der letzten Zeit wenig in Anspruch genommen. Authenried schien sich in seinem Mitteilungsdrange erschöpft zu haben. Vielleicht auch fürchtete er, einen so schätzbaren und verständnisvollen Gesinnungsgenossen durch Uebertreibung sich abspenstig zu machen. Somsdorff hatte doch jedenfalls noch andere Interessen, die Pflege und Nahrung verlangten: er selbst, Graf Authenried, empfand ja zuweilen eine Art Ueberdruß, der ihn veranlaßte, das Bibliothekzimmer und die Sammlungsräume grundsätzlich wochenlang zu meiden, sich Ferien zu gönnen, wie er sich ausdrückte, und diese Ferien in derber Genußfreudigkeit auszunützen. Mochte der junge Mann daher bummeln, während Graf Authenried jetzt nach der Kreisstadt fuhr! Mochte er unter den großen Ulmen des Parks seine türkische Cigarette rauchen, mit Josefa Ball spielen, mit Adele über Händel und Bach schwatzen und sich ein wenig die Flügel bei ihr verbrennen!
Graf Authenried mußte in der Betonung der Worte »Adieu, lieber Somsdorff!« etwas von diesem letzten Gedanken, vielleicht unwissentlich, ausgedrückt haben; denn Somsdorff fühlte sich, wie er sie jetzt in sich nachklingen ließ, unbehaglich, nagte ein wenig die Lippen und warf der Gräfin, die sich just mit Josefa beschäftigte, einen forschenden Blick zu. Hielt ihn dieser unbegreifliche Mensch mit der kalt berechnenden Stirn und dem gutmütig scheinenden Lächeln für so ungefährlich, daß er ihn gleichsam einlud, einen Sturm zu versuchen? Oder war er seiner Gemahlin so absolut sicher? Wie standen die zwei überhaupt? Graf Gerold zählte kaum vierzig Jahre; Adele war im April vierundzwanzig geworden. Bei dem stattlichen, frischen, eigentlich auch ganz sympathischen Aeußern des Grafen konnte daher von einem Mißverhältnis in dieser Beziehung durchaus nicht die Rede sein. Im Verkehr mit Adele war er wohl nicht gerade herzlich, aber doch ebenso wenig schroff oder unfreundlich. Daß Ehemänner nicht recht zu würdigen scheinen, welch einen köstlichen Schatz sie in ihrer Gattin besitzen, das gehörte zu den Alltäglichkeiten. Vielleicht spielte Graf Authenried die Rolle des Gleichgültigen nur der Welt gegenüber? …
Leo von Somsdorff beschloß, bei nächster Gelegenheit über diese gewichtigen Fragen ins klare zu kommen. Adele hatte ihm während der kurzen Zeit seiner Anwesenheit so viel Vertrauen entgegengebracht, daß er eine diskrete Andeutung wohl riskieren konnte, um so mehr, als er bis jetzt ja mit keiner Miene aus der für zweckentsprechend erkannten Rolle ehrlicher, wunschloser Freundschaft herausgetreten war, ihr nicht einmal bei der ersten Begrüßung die Hand geküßt oder sie sonst mit auffälligen Galanterieen umgeben hatte. Vielleicht that es ihr wohl, nach Jahren des Duldens und Schweigens einmal ihr bekümmertes Herz auszuschütten. Daß dieses Herz heimlich bekümmert war, obschon er die Ursache nicht mit Bestimmtheit enträtseln konnte, das ließ er sich durch alles, was etwa dagegen sprach, nicht wegdemonstrieren. Für die nötige Stimmung zur Beichte wollte er sorgen. Hatte die Stimmung ihr Werk gethan, waren die Worte gefallen, die ihn zum Mitwisser ihrer Geheimnisse machten, dann wurde aus dem selbstlosen Freund im Handumdrehen der zärtliche Tröster, dem sich die Schluchzende blindlings zu eigen gab.