»Miß Harriet,« klang jetzt die Stimme Adelens, »drücken Sie auf die Klingel! Bitte, zweimal!«

In der Thüre erschien das Kammermädchen.

»Frida, den Gartenhut für die Kleine! Miß Harriet, ich überlasse Sie heut Ihrem Schicksal! Sie werden nicht böse sein, den Vormittag mit Ihrem Homer zu verbringen! Sie liest nämlich seit einigen Tagen die Ilias …«

»In der Ursprache?« fragte Leo von Somsdorff.

»Oh, no!« stammelte Harriet errötend. »In deutsch.«

»Sind Sie bereit?« wandte die Gräfin sich freundlich zu ihrem Gast. »Das Wetter ist herrlich, – ein Frühlingstag. … Ich begreife uns nicht, daß wir nicht gleich den Thee auf der Veranda genommen …«

»Es waren nur dreizehn Grad,« sagte die Engländerin. »Unsre Josefa möchte sich doch wohl erkältet haben. Augenblicklich bei fünfzehn ordne ich an …«

Gräfin Adele trat in die prächtige Vorhalle, die nach dem Park führte. Sie warf einen Blick auf das Thermometer.

»Kaum glaublich, wie schnell die Temperatur jetzt steigt!« sprach sie zu Herrn von Somsdorff. »Der Nachmittag wird sogar heiß werden. Kommen Sie!«

Ihr Kind bei der Hand fassend, schritt sie die aristokratisch breiten Marmorstufen der großen Freitreppe hinunter, langsam und königlich, und dennoch in jeder Linie schwellende, hingebungsvolle Weichheit, mädchenhaft liebliche Unbewußtheit. Es lag wirklich etwas Madonnenhaftes in ihrer Art – nur ohne das Ewig-Ueberirdische, das wir sonst wohl mit diesem Begriff zu verbinden gewohnt sind. Das lichtblaue Sergekleid, der große, bändergeschmückte Strohhut, das glatte, schwer-goldene Armband über dem dänischen Handschuh, der hellrot gefütterte Atlasschirm, den sie von Zeit zu Zeit hin und her drehte, – das alles verlieh ihr einen bestrickenden Hauch von weltlicher Eleganz, von Freude am Schönen, man hätte fast sagen mögen: von lockender, frauenhafter Gefallsucht.