Leo von Somsdorff war vor Entzücken außer sich. Ach, und wie sie sich jetzt zu dem plaudernden Kind neigte und ihm Antwort gab, während die sammetschwarzen, oft so nachdenklich melancholischen Augen vor Mutterglück leuchteten! Wie schön sie war und wie gut, wie hold und begehrenswert!

Fünf Minuten lang ging er so neben ihr her, keines Wortes mächtig. Man schritt an dem großen Teiche vorüber, in dessen Mitte ein armsdicker Strahl haushoch emporsprang. Der Morgenwind trieb einen leisen Sprühregen über die Wasserfläche; die Maisonne warf in die stiebenden Tropfen ihr Licht; ein Regenbogen malte sich traumhaft gegen das Grün der Platanen. Josefa jubelte. Sie zeigte nicht übel Lust, sich von der schützenden Hand der Mama zu lösen und näher zur Balustrade zu treten. Die Gräfin jedoch hielt sie fest, warnte sie vor der Nixe, die allzudreiste Kinder hinabziehe, erinnerte sie an die Geschichte vom Sturmvogel, die Miß Harriet jüngst mit so grausiger Anschaulichkeit erzählt hatte, und erhielt das Versprechen, die Kleine werde sich nie an die Brüstung heranwagen.

Leo von Somsdorff hörte das schweigend mit an, hatte auch keinen Blick für das Blütenmeer, das sich jetzt von beiden Seiten aufthat, für die Pracht der Syringen, die Knospenfülle des Rotdorns, die duftige Anmut der kaum erschlossenen Akazien, sondern lauschte nur immerzu dem Klang dieser wonnigen Frauenstimme, bis ihm die Gräfin, als man das Parkthor erreicht hatte, durch einen scherzhaften Vorwurf seine Wortkargheit zum Bewußtsein brachte.

»Verzeihen Sie,« bat er; »ich hörte eifrig mit zu. Was ist das für eine Geschichte vom Sturmvogel?«

»Eine sehr ernsthafte,« sagte die Gräfin mit einem Seitenblick auf Josefa. »Nicht wahr, Kleinchen? Erzähl' sie doch mal!«

»Ach, jetzt …!« schmollte das Kind mit einem flehenden Augenaufschlag. »Ich möchte jetzt Blumen pflücken …«

»Nun, wie du willst! Aber such' nur die schönsten, und rauf' mir nicht gleich so die halbe Wiese hinweg! Nein, weiter links! An dem Bach dort holst du dir nasse Füße!«

Josefa sprang eilends davon.

»Es ist nichts mit dem Sturmvogel,« sagte die Gräfin, als nun das Kind außer Hörweite war. »Eine Historie zum Abschrecken, so gut und so schlecht, als hundert andre. Ich glaube, Miß Harriet, die treue Seele, hat sich das Märchen aus eigner Kraft konstruiert, denn es paßt wie angegossen auf unsre lokalen Verhältnisse, – hier auf den Teich mit den steinernen Balustraden, dort auf den Fluß. Merkwürdig, daß Josefa so viel Sympathie fürs Wasser zeigt.«