Die Fluten blinkten und rauschten – und spielten zuweilen wie neckende Elfen an dem Granitblock empor. Die weiche, grasüberwachsene Wand schmiegte sich polsterähnlich wider den Rücken des Träumers, und sein rechter Arm fand so bequem einen Stützpunkt. Wenn er die Augen schloß, hatte er fast die Empfindung, als liege er auf der Chaiselongue zwischen den beiden Verandasäulen …
Und er schloß die Augen jetzt wiederholt, und immer auf länger, bis er zuletzt nicht mehr die Kraft besaß, der entzückenden Müdigkeit, die ihn umströmte, Halt zu gebieten.
Aller Gram seines Herzens schien von dem gütigen Fluß, der ihn hier einwiegte, fortgeschwemmt, alles Weh aufgelöst, aller Kampf selig gestillt. Die plätschernden Wellen wurden dem Schläfer zu holden, zauberhaften Sirenen, die ihm die süßesten Märchen vorschwatzten.
Und plötzlich war es die Stimme seiner verstorbenen Mutter, die zu ihm sprach, und das Märchen, das sie erzählte, war die unheimlich bange Geschichte »Gott überall«. Er kannte sie jetzt noch auswendig, – die kindlich-naive Historie von der gehorsamen Schwester und dem ungehorsamen Bruder, der im Keller die Milch benascht, und den Spalt am Fenster, durch den die himmlische Sonne blitzt, ärgerlich zustopft, damit der allsehende Gott nicht hereinblicke. Das war seine Lieblingsgeschichte … Wenn die Mutter ihm das erzählte, gestand er ihr jedesmal unter Thränen, was er an kleinen, harmlosen Unthaten auf dem Gewissen hatte. Und die Mutter war gütig und lieb, – und sie küßte ihn, und alles war wieder gut. Diesmal aber quälte ihn das Gefühl, als ob die sonst so freundlichen Augen trüb und vorwurfsvoll auf ihm haften blieben. Das Märchen, das ihm der Traum erzählte, mischte sich ihm phantastisch mit der geträumten Wirklichkeit. Er selber war nun der Held der Fabel. Er hatte, um heimlich naschen zu können, nicht nur am Fenster den Spalt verstopft, sondern sogar dem Schwesterchen, das ihn warnte, voll Tücke den Tod gewünscht …
»Nein, mein Sohn,« erklang die schmerzlich bewegte Stimme, »das verzeih' ich dir nicht, sondern steige nun traurig ins Grab, weil du so schlecht geworden!«
Er stieß einen bänglichen Schrei aus.
»Aber so hab' ich's ja nicht gemeint!« keuchte er händeringend …
»Schweig!« sagte sie traurig. »Es mag wohl sein, daß es dich jetzt gereut: aber gewünscht und gewollt hast du's! Wir Toten sind ja allwissend! Wir lesen in euren Herzen! Vor uns gilt keine Lüge und keine Beschönigung!«
Sie legte ihm die Hand auf den Arm, just an die Stelle, wo kaum erst seine Wunde geheilt war.
»Siehst du,« raunte sie unter Thränen, »selbst das kauft dich von deiner Sünde nicht frei! Selbst meine Liebe nicht!«