Es war still hier draußen. Auf den hellschimmernden Wiesengründen lagen die graugrünen Heuhaufen. Das Korn wogte in mannshohen Aehren. Hier und da nur, jenseits des Stromes, gewahrte man an den Hängen vereinzelte Landleute – so weit entfernt, daß man sie kaum mit der Stimme erreichen konnte.
Leo bog die Zweige des üppig wuchernden Erlengestrüpps zurück und trat an das Ufer.
Auch der Fluß, noch zu schmal und zu ungleichmäßig in seiner Tiefe, um schiffbar zu sein, bot mit der unbelebten, stark strömenden Wasserfläche den Anblick einer weltfremden Einsamkeit.
Das Ufer senkte sich an der Stelle, wo Somsdorff herangetreten war, schroff ab. Weiter nach rechts aber bildete seine Böschung eine Art natürlicher Bank, die zu beschaulicher Rast lud. Sommerliche Gewittergüsse hatten diese Einbuchtung wohl zusammengewühlt.
Leo ging die kleine Strecke stromaufwärts, umklammerte das Geäst einer verdorrten Weide und stieg so die anderthalb Meter hohe Lehne dieser Naturbank hinab. Unten setzte er sich behaglich zurecht. Als Schemel diente ihm ein Granitblock, der wie ein erratischer Einsiedler aus der lehmigen Wandung ragte.
Es war ein Ruheplatz von eigentümlichem Reiz. Droben das schattende, schwergrüne Laub der Erlen, gegenüber das steil ragende Ufer, gleichfalls mit Erlen besäumt – und zwischen den beiden Baumreihen, die hier die Welt abschlossen, das murmelnde Wasser.
Langsam und tief atmend sah Leo von Somsdorff in das immerzu wechselnde und doch so gleichmäßig glitzernde Wellenspiel. Zu seinem eignen Erstaunen wurde er von den elegischen Versen Nikolaus Lenaus heimgesucht:
»Sahst du ein Glück vorübergeh'n,
Das nie sich wiederfindet,
Ist's gut, in einen Strom zu seh'n,
Wo alles wogt und schwindet.«
So weit also war es mit ihm gekommen!