Leo, der schon mehrmals erwogen hatte, ob es nicht besser sei, die hoffnungslose Belagerung Adelens aufzugeben und schleunigst die Flucht zu ergreifen, war jetzt nahe daran, in dieser Richtung einen definitiven Entschluß zu fassen. Kleinigkeiten geben ja oft bei solchen lang in der Schwebe gebliebenen Fragen den Ausschlag.
Jedenfalls trug er, als nun der Graf sich entfernt hatte, kein Verlangen danach, dies eigentümliche Frühstück in Gemeinschaft mit Gertrud Mettenius fortzusetzen, zumal ihm die junge Dame gleich beim Betreten des Zimmers einen merkwürdig herausfordernden Blick zugeschleudert hatte.
Er stand vielmehr auf, machte ihr eine ceremoniöse Verbeugung und zog sich in seine Gemächer zurück, wo er sich fruchtlos bemühte, beim Rauchen einer pompösen Cigarre den Zwiespalt, der ihn zerklüftete, aus dem Bewußtsein zu tilgen. Es lag ihm wie Blei in den Gliedern. Freilich, die Nächte hier, und namentlich in den letzten, hatte er ganz erbärmlich geschlafen – oft stundenlang grell geöffneten Auges zur Decke gestiert, um dann mitten aus einer quälenden Vorstellungsreihe heraus in einen starrkrampfähnlichen Zustand zu fallen, der nichts weniger als erquicklich war und mit dem Schlaf nur die Unwirksamkeit des Willens gemein hatte. Das mußte ein Ende nehmen – so oder so. Er fühlte, daß er zu Grund gehen würde, wenn seine Leidenschaft für dies wahnwitzig stolze Weib nicht endlich Genüge fand oder gewaltsam ertötet wurde …
Er nahm ein Buch. Schon bei den ersten Seiten befiel's ihn wieder mit einer Art von Hypnose. Statt des bedruckten Blattes und der klaren Antiquaschrift sah er die Bank auf dem Proserpinahügel – und zwischen den blütenbedeckten Jasminzweigen die herrlichen Augen Adelens, die ihm entgegenstrahlten, wie zwei lockende Sterne aus dem Grund eines verzauberten Brunnens.
Aufschreckend griff er sich nach der Stirne.
Welche Verrücktheit auch, bei diesem herrlichen Juniwetter im Zimmer zu sitzen, dazu noch bei festgeschlossenen Fenstern! Das Stubenmädchen mit ihrem ewigen Luftabsperren war die Borniertheit selbst – wie alle Frauenspersonen! Ja, wie alle! In diesem Moment glaubte er selbst Gräfin Adele mit einschließen zu sollen. Ihre rabiate Schwärmerei für das Kind war doch auch eine Art von Beschränktheit, eine fixe Idee, wie sie nur im Gehirn eines Weibes reift.
Ingrimmig setzte er den erdfarbenen, gemsbartgeschmückten Hut auf, nahm seinen Jagdstock und schritt hinaus.
Es war jetzt zehn Uhr. Ein tiefblauer Himmel spannte sich wolkenlos über die blühende Erde. Der Tag versprach heiß zu werden. Um so gescheiter, wenn man sich jetzt ein wenig die brennende Stirn kühlte. Ueber den Fluß her wehte noch eine Ostluft von belebender Frische.
Rasch, wie ein Mensch, der sich selber entfliehen will, stieg er die Seitentreppe hinab und durchquerte den Platz vor dem Teich. Hier im Park, wo ihm jeder Strauch die Erinnerung an das schmähliche Scheitern seiner strafbaren Hoffnung zurückrief, litt es ihn nicht. Auch der Pfad nach dem Gehölz schien ihm von Grund aus verhaßt. Das Kind schwebte hier wie ein Gespenst über der Moosdecke. Dieser Wald mit den zahlreichen Schneisen und Lichtungen war ja der Schauplatz jener unseligen Rettungsthat. Ja, nochmals schalt er in seinem krankhaft erregten Gemüt jene That unselig. Er lachte vor selbstironischer Wut, als ob er sich vorwürfe, sein Glück mutwillig zertreten zu haben. Hiernach graute ihm doch ein wenig vor der empörenden Roheit dieser Empfindungen. Er zuckte die Achseln, seufzte und schlug den Weg nach dem Fluß ein.