»Dann soll er doch seine Nervosität an den Dienstboten auslassen oder wo sonst! Ich kehr' ihm jetzt einfach den Rücken, bis er von selbst wieder Anstalten macht … Dazu ist denn doch eine glückliche Braut nicht da, um irgend einem beliebigen Griesgram als Blitzableiter zu dienen …«
Gräfin Adele küßte ihr tröstend die Wange und legte für Herrn von Somsdorff ein freundliches Wort ein. Nun lachte Gertrud, flüsterte mit eigentümlicher Schalkhaftigkeit, so gar schlimm habe sie ja die Anklage nicht gemeint, und sprach dann wieder von Groß-Nieder-Wartha und dem entzückenden Neubau.
Am folgenden Tag mußte Adele das Bett hüten. Die Kämpfe der letzten Zeit, die doch heftiger in ihr tobten, als sie selbst sich gestehen wollte, hatten ihr stark zugesetzt, so daß eine kleine Erkältung, deren sie sonst nicht geachtet hätte, ihr alle Spannkraft benahm.
»Das hat noch gerade gefehlt!« knirschte Somsdorff in sich hinein, als er beim Frühstückstisch den Grafen allein fand und die Meldung erhielt, Gräfin Adele fiebere ein wenig.
Graf Gerold war heute langweiliger als je. Er hielt eine Nummer des »Athenäums« zwischen den Fingern. Sofort begann er mit laut hallender Stimme einen Bericht über die jüngsten pompejanischen Ausgrabungen zu lesen, die ein hochwichtiges Ergebnis zu Tage gefördert hatten – in Gestalt nämlich einer erzgetriebnen Kassette, die eine Anzahl von Goldmünzen und Medaillen enthielt, darunter mehrere von altgriechischer Prägung. Der Graf war der Meinung, Verschiednes aus diesem Bericht für seine noch immer nicht ganz vollendete Abhandlung verwenden zu können, obschon die Kürzung dadurch aufs neue erschwert wurde. Er wünschte die Ansicht Somsdorffs namentlich über zwei Punkte zu hören …
Leo empfand beim Vorlesen des umfangreichen Artikels einen heftigen Widerwillen. Die ruhig-sachliche Untersuchung, die sich hier abspielte, kontrastierte eben so schroff mit seiner eignen quälenden Unrast, als die Brautseligkeit Gertruds.
Der Graf ließ ihm nicht einmal so viel Zeit, sich genauer nach dem Befinden der jungen Frau zu erkundigen.
»Eine Art Grippe,« sagte er rasch und fuhr dann, als wolle er jeden weitern Versuch der Unterbrechung im Keime ersticken, mit wachsender Energie fort: »Die größte dieser Medaillen zeigt in künstlerisch vollendeter Bildung eine Reiterstatue mit der etwas beschädigten Umschrift …«
Somsdorff hörte nichts mehr. Voll stummer Verbitterung rückte er seinen Stuhl, klapperte rücksichtslos mit dem Löffel an seiner Theetasse, hustete, seufzte sogar, als hätte er jede Regel der Höflichkeit unter dem Schutt seiner Mißgefühle begraben – und erreichte damit ein fortwährendes Anschwellen der freudig erregten Stimme, die nur ab und zu mit dem Vorlesen innehielt, um parenthetisch ein »Höchst interessant!« oder ein »Hören Sie, Somsdorff?« dazwischen zu schleudern.