Immer wieder knirschte er vor sich hin: »Hätt' ich's geahnt! Hätt' ich's geahnt!«
Die Ritterlichkeit, die ihn sonst auszeichnete, die natürliche Wahrheit seines Gemüts, sein Gerechtigkeitssinn – alles schien untergegangen in dem fürchterlichen Gewoge einer schamlosen Selbstsucht.
Siebentes Kapitel.
Gegen Ende der Woche traf Gertrud Mettenius wiederum ein – ganz erfüllt von ihrem süßen Geheimnis, das sie der Freundin sofort, und den übrigen Hausbewohnern, soweit sie gesellschaftlich mitzählten, am folgenden Morgen unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit anvertraute.
Sie hatte sich also wirklich mit Herrn von Steinitz junior verlobt und hielt's nun daheim bei ihrer etwas nervösen Mama nicht länger mehr aus; denn Friedrich, der holde, reizende Mensch, hatte sofort unverhofft wieder abreisen müssen. Der Neubau des Herrenhauses auf Groß-Nieder-Wartha – so hieß die Besitzung, wo Gertrud als Freifrau von Steinitz demnächst ihren Herrscherstab handhaben würde – erforderte unbedingt seine Anwesenheit.
Das laute, geräuschvolle Wesen der jungen Braut wirkte auf Leo von Somsdorff wie der Lärm einer Mühle. Er hatte nie sonderlich für das Mädchen geschwärmt. Jetzt fand er sie geradezu störend – vielleicht nur deshalb, weil die Unverfrorenheit ihres Jubels dem traurigen Zustande seines eignen Gemüts so schroff widersprach. Ein rätselhaftes Geschöpf, diese Gertrud! Ganz offenbar hatte sie doch die Grenzen der weiblichen Scheu und Zurückhaltung stark überschritten. Trotzdem lag etwas Kindliches in der Art ihrer Aufdringlichkeit, etwas Kernhaft-Gesundes, das unter andern Verhältnissen bei Leo von Somsdorff sehr wahrscheinlich gewisse humorvolle Sympathieen geweckt hätte, zumal der Erfolg ihr durchaus recht gab. Friedrich von Steinitz verlangte das so; er war ihr ganz augenscheinlich dankbar dafür: sonst hätte ihn das Gebaren Gertruds doch abgestoßen, nicht aber zum Sklaven gemacht. Wie Leo indessen gestimmt war, hatte er jetzt nur das Gefühl, als müsse er diesem übersprudelnden Lachen und Schwatzen grundsätzlich aus dem Wege gehen. Es machte ja fast schon den Eindruck, als ob Fräulein Gertrud um seine trostlose Situation wisse und sich das schnöde Vergnügen bereite, ihm die Glückseligkeit in recht unbarmherzigen Farben zu malen, damit seine Qual ihr zur Folie diene.
Gertrud merkte, trotz ihrer Naivität, sehr wohl, daß er mit jeder Begegnung kühler und förmlicher ward.
»Was will er nur?« fragte sie staunend. »Wahrhaftig, Adele, ich glaube, er legt's darauf ab, mich hier fortzugraulen!«
»Ach, er denkt nicht daran! Etwas nervös ist er …«