Und gerade er, Somsdorff, mußte dies wühlende Weh dulden – er, vor dem sich die angebetetsten Schönheiten seufzend im Staube gewunden! Er mußte das gerade hier dulden, wo es zum erstenmale im Leben ihm ernst war – so ernst zum wenigsten, wie es für einen jahrelang kultivierten Leichtsinn, der nichts für heilig erachtet, noch möglich war! Er liebte sie wahnsinnig, mit der Glut eines Verschmachtenden; jeder Tag dieser grauenhaften Entsagung hatte der Lohe, die ihn verzehrte, neuen Brennstoff geliefert; er fühlte, wie sein Gehirn kochte und brodelte, wie jeder Nerv in ihm krankte – und sie gab ihm den Rat, Kants Schrift zu lesen ›über die Kunst, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden‹!
Noch ein Schritt – und seine Zurechnungsfähigkeit hörte auf. Was dann kam – er schauderte vor der Ausmalung dieser Möglichkeiten zurück, die sich ihm hundertfach variiert und dennoch stets in der gleichen Grundstimmung aufdrängten. Der Egoismus der Leidenschaft hatte den Höhepunkt seiner Starrheit erreicht.
Als Leo am Nachmittag sein Zimmer aufsuchte, um für einige Stunden allein zu sein, folterte ihn ein fürchterlicher Gedanke, den er nicht bannen konnte. Ja, es fehlte ihm, so sehr er sich mühte, die sittliche Kraft, sich dieses unerhörten Gedankens zu schämen. Dabei fühlte er jetzt, gleichsam als Folie zu seiner Zwangsvorstellung, einen stechenden Druck in der Seite, etwas oberhalb jener Stelle, wo ihm der wütende Hirsch das mörderische Geweih eingebohrt hatte.
»Du Narr!« klang es in seinem Innern, während er grimmig die Faust wider den schmerzenden Punkt stemmte. »Hättest du damals ein paar Sekunden gezögert und dein Leben, das noch so lebenswert und so rosig erschien, nicht in die Schanze geschlagen, so … wäre jetzt alles vorüber! Kein Hindernis türmte sich mehr zwischen dich und dies wonnige Weib! Du könntest sie trösten … Ein Tröster erfüllt seine Sendung nur halb, wenn er nicht auch ersetzt … du würdest in ihrem Herzen die Lücke ausfüllen, die der Verlust des unseligen Kindes ihr hinterlassen hätte! Sie wäre dein Eigen, wenn nicht schon jetzt, so doch dereinst, nachdem sich der erste, verzweifelte Jammer gelegt hätte! Die Undankbare! Wie hat sie dir's denn gelohnt, daß du gespießt wurdest? Ein paar gütige Phrasen hat sie für dich gehabt, ein sentimentales Geständnis, bei dem drei Viertel der zärtlichen Glut auf Rechnung des Kindes kamen! Und nun, wie du in deiner Ungeduld aufschreist, gibt sie dir lächelnd den unerhörtesten Fußtritt! Das hast du von deinem selbstlosen Opfermut, du trauriger Don Quixote, du öder, hirnverbrannter Hanswurst!«
In blinder Wut schlug er sich auf die schwer atmende Brust.
»Hätt' ich's geahnt,« fauchte er durch die Zähne, »hätt' ich's geahnt!«
Und die verbrecherische Empfindung der Reue über die Rettung, die er damals vollbracht hatte, goß sich ihm heiß durch die Adern. Nein, er würde im gleichen Falle nicht wieder so handeln. Jeder war sich doch selbst der Nächste, wo es um Sein oder Nichtsein ging! Man half nicht dem Todfeind, wenn er am Rande des Abgrundes zu straucheln begann. Das war nicht Menschlichkeit, sondern Wahnsinn.
Er stöhnte bei diesen grauenhaften Erwägungen wie ein Sterbender.