»Fehlt Ihnen was, Herr von Somsdorff?«

»Es scheint so. Ich bin zu Tode erschöpft. Ich fürchte, ich werde krank.«

»Es gibt einen Spruch …« sagte die Gräfin, als sie am Teiche entlang schritten. »Mein Geschichtslehrer hat ihn häufig citiert … Es war Latein, und der Sinn war der: ›Wolle gesund sein, und du bist es!‹ Ihnen mangelt vielleicht der Wille. Uebrigens, kennen Sie nicht die Schrift Kants – das Einzige, was ich von Kant gelesen habe: ›Die Kunst, seiner krankhaften Gefühle Meister zu werden‹? Natürlich, Sie kennen das! Aber danach zu handeln, das fällt euch Herren der Schöpfung, die ihr doch sonst so vornehm auf uns herabschaut, nicht ein!«

»Ich glaube, Sie machen sich über mein Elend lustig?« versetzte Leo stirnrunzelnd; denn sie hatte die letzten Worte im Tone der leichtesten Plauderei gesprochen.

»Das sei ferne von mir!« sprach sie mit plötzlich veränderter Stimme.

Die Thränen traten ihr in die Augen.

Er aber sah das nicht. In seiner Seele hatte nur eins Raum: der Gedanke, daß diese Frau ihn geliebt hatte – und nicht mehr liebte!

Dies Bewußtsein war niederschmetternd – die erste große Enttäuschung seines verwöhnten Lebens!

Der Widerstand einer abstrakten Moral – so philosophierte er – ließ sich durch eisenfeste Beharrlichkeit über den Haufen werfen. Eine Siegerin aber, der es gelungen war, das Feuer der Leidenschaft – das er doch ihrem eignen Geständnis zufolge in ihrer Seele entzündet hatte – in so lächerlich kurzer Frist mit Gewalt auszulöschen: ein solches Geschöpf stand außerhalb jeder Berechnung!

Ja, wäre ihr Herz vereinsamt gewesen! Hätte dies Kind nicht alle Abgründe ihres Gemüts täglich neu mit Rosen und Lilien verschüttet! Aber so wirkte Josefa schon durch die bloße Thatsache ihres Vorhandenseins!