»Wie so Ehrendame?«
»Teuerste Gräfin, Sie betrügen sich selbst – und verraten sich! Weil Sie sich schwach fühlen, weil Sie mich lieben – heiß, über jede Beschreibung – deshalb gebrauchen Sie diesen Engel da mit dem flammenden Schwert, der mich so feindlich von hinnen scheucht! Aber ich schwöre es Ihnen: das frommt nicht! Sie werden an dieser Thorheit zu Grunde gehen! Nein, lassen Sie mich jetzt ausreden! Wird Ihr Kind darum besser und glücklicher, weil seine Mutter um eines Vorurteils willen sich heimlich zerquält und einen ehrlichen Menschen, der sie vergöttert, einfach ins Tollhaus bringt? Adele, Adele! Es kommt eine Zeit, da niemand auf dieser Erde mehr weiß, wo unsre Gebeine ruhen! Die Pflugschar geht einst über die Stätte, wo jetzt Ihr Schloß ragt … Glauben Sie wirklich, daß Ihre Seele dann irgendwo im unendlichen Weltraum Freude darüber fühlt, sich und mich damals zertrümmert zu haben?«
»Das weiß ich nicht,« versetzte die Gräfin ruhig. »Auch wäre das eine traurige Pflichterfüllung, die sich von der Erwägung abhängig machte, ob eine That sich lohnt. So viel im allgemeinen. Jetzt aber muß ich Ihnen doch scharf betonen, daß Sie mich vollständig mißversteh'n! Ich bin fertig und klar mit allem und durch Gottes Hilfe so stark, daß ich von keinem Kampf mehr zu reden habe. Ach, Herr von Somsdorff, Sie glauben also im Ernste, ich hätte um meinetwillen das Kind hier mitgenommen?«
»Ich dachte …«
»Sie irren, mein Freund! Nur um Ihnen das zu erleichtern, was Sie mir neulich versprochen haben … Nein, Herr von Somsdorff: eine Mutter, die einmal ernstlich mit sich zu Rate gegangen, hat die Gegenwart ihres Kindes nicht nötig, um unausgesetzt ihrer Liebe zu diesem Kinde und der Verpflichtungen, die ihr daraus erwachsen, bewußt zu bleiben! In diesem Engel, dem Ihr Sarkasmus ein flammendes Schwert verleiht, atme und lebe ich! Hundert Meilen dürften uns jahrelang scheiden: an der Allgewalt dieses Gefühls könnte das kaum was mindern! Seh'n Sie doch endlich ein, daß der Weg, den Sie jetzt wandeln, traurig ins Leere führt! Ich habe auf Ihrer Abreise nicht bestanden, weil Ihre Nähe mich nicht mehr erschreckte – und weil Sie so heilig gelobt hatten … Es scheint aber, daß Sie der Freundschaft in Wahrheit nicht fähig sind …«
Ein verlorener Sonnenstrahl zitterte auf dem goldgelben Band ihres Hutes und glitt, da sie den Kopf jetzt zurücklehnte, wie kosend über die schön gerundete Wange hinab auf die Brust, die so geruhig atmete und so gleichmäßig, als wollte sie den fiebrischen Brand seiner Sehnsucht verhöhnen.
Er sprang auf.
»Gehen wir?« fragte er tonlos.
Sein Gesicht war bleicher als je; die Lippen verdorrten ihm fast.