Adele sah in dem einfachen, rosagestreiften Morgenkleid und dem beinahe schmucklosen Strohhütchen auf dem herrlichen Haar unbeschreiblich hold und verlockend aus. Ihre Absicht, durch Vermeidung jeglicher Toilettenkunst den Eindruck, den sie auf Leo hervorgebracht, thunlichst abzuschwächen, hatte sich nie so verfehlt erwiesen, als heute. Sie ahnte nicht, wie gerade die blumenartige Schlichtheit ihrer Erscheinung einen Charakter von der Eigenart Leos umstricken mußte. Diese ungekünstelte Anmut bedeutete ja für Somsdorff äußerlich fast dasselbe, was ihre weibliche Würde, ihre hoheitsvolle und doch nicht geschraubte Strenge innerlich für ihn bedeutete: ein Fremdes, Neues und dennoch Vertrautes, ein himmlisches Etwas, das auf sein ganzes Gemüt wirkte wie die Seebrise auf die pochende Stirne des Fieberkranken.

Und nun sich sagen zu müssen: dies neue, unbeschreibliche Glück würde dir in den Schoß fallen, wenn dies Kind nicht wäre, dessen bloße Anwesenheit ihr unausgesetzt Moralpredigten hält und ihr Gehirn mit Phantasmen erfüllt, die du mit aller Kraft deiner sieggewohnten Verführungskunst nicht hinwegblasen kannst!

Daß Josefa wirklich das einzige Hindernis auf dem Weg zur Eroberung sei, darüber hegte der junge Mann, der ja noch immer die Fesseln einer leichtsinnigen Vergangenheit nachschleppte, kaum einen Zweifel.

»Denn –« sagte er sich – »wäre die Tugend Adelens an und für sich über jeden Ansturm erhaben, so brauchte sie nicht diese Schildwache hinzupflanzen, die schleunigst Alarm schlägt, sobald sich mir nur das leiseste Wort auf die Lippen wagt.«

Er seufzte schwer.

»Frau Gräfin,« frug er dann plötzlich in französischer Sprache, »wie lange gedenken Sie diese Komödie fortzusetzen?«

»Welche Komödie?«

»Die mit der kleinen Ehrendame, die sich hier zwischen uns drängt.«

Sie errötete heftig.