»Ja wohl! Ein Freund, der deine Josefa ruhig ertrinken ließ!« platzte Gertrud heraus. »Ein Freund, der die Hände kaltherzig in den Schoß legte, weil ihm dies Unglück just in den Kram paßte!«
»Bist du von Sinnen?« rief Adele so laut, daß der Bediente sich umdrehte.
»Ich rede die Wahrheit! Ich würde sie ihm kurzer Hand ins Gesicht schleudern und wäre denn doch begierig, ob er den Mut fände, mich Lügen zu strafen! Weshalb soll ich's verschweigen! Vielleicht hat er ja selber den Irrtum bei dir genährt, als sei ich schuld gewesen, ich, die ich bei Gott … Nein, du sollst wissen, daß sich dein Schmerz und dein Groll damals in der Adresse vergriff! Herr von Somsdorff, der ein ausgezeichneter Schwimmer ist, weißt du, ein Virtuose, nicht nur, was man gewöhnlich so nennt – Herr von Somsdorff saß in Lebensgröße gemütlich am Ufer und sah mit zu, wie die Kleine hinabstürzte; aber er rührte sich nicht! Damals hielt ich ihn nur für feige; jetzt aber weiß ich, daß es gemeinste Berechnung war … Aber was hast du denn? Lieber Himmel, ich dachte, du seiest so weit gefaßt, um das hören zu können …! Hätt' ich geahnt …«
»Sprichst du die Wahrheit?« fragte die Gräfin tonlos. »Oder willst du bloß Rache nehmen für die erlittene Kränkung? Ich beschwöre dich, Gertrud: sprichst du die Wahrheit?«
»Was sonst? Aber ich sehe, du regst dich ganz fürchterlich auf! Sei doch verständig! Wir beide werden die Welt nicht ändern! Streng genommen war Somsdorff ja nicht verpflichtet, sein Leben zu wagen … Und eine Gefahr lag ja immer noch vor …«
»Ich kann's nicht glauben, ich kann nicht! Gertrud, verzeih, ich fühle mich elend zum Sterben! Ich muß nach Hause! Nein, ohne dich! Thu mir die Liebe an, nimm eine Droschke und fahr' allein ins Hotel! Du ahnst ja nicht …«
»Ich kann dich unmöglich in diesem Zustand allein lassen!« murmelte Gertrud.
Trotzdem stieg sie, dem flehenden Blicke Adelens gehorchend, bei der Viktoriaallee aus. Sie zuckte die Achseln, wie's ihre Gepflogenheit war, wenn sie Gemütsbewegungen gegenüberstand, die sie nicht teilte, drückte der Freundin die Hand und schritt ein wenig verstimmt zu der nächsten Haltestation.
Adele fuhr inzwischen auf dem kürzesten Wege nach ihrer Wohnung.