»Nichts! Verzeih mir! Weißt du auch, was wir übermorgen für einen Tag haben?«

Er wußte es wohl. Sein Staunen wuchs. Sie hatte fast niemals von dem Kinde geredet, als fürchte sie durch ein Wort der Erinnerung das kaum entschlummerte Leid wieder aufzuwecken.

»Wie sollte ich nicht?« sagte er stammelnd.

In diesem Moment türmte sich alles, was Gertrud erzählt hatte, mit erneuter Bedrohlichkeit vor Adelen empor. Die seltsame Scheu, womit Somsdorff die letzten Worte gleichsam nur zögernd über die Lippen gebracht, überwältigte sie. War es denn möglich? Drückte den Mann da im Ernste ein Schuldgefühl? Sie begriff nicht, daß nur die zärtliche Sorge um sie ihn so unsicher machte, vielleicht auch ein wenig der Schmerz darüber, daß sie in diesem Moment, der so völlig der Zukunft gehörte, fast nur der Vergangenheit dachte.

Plötzlich entsann sich die Gräfin, vor Jahren einmal ein französisches Drama gelesen zu haben, worin der Untersuchungsrichter den Urheber eines Verbrechens dadurch entlarvt, daß er ihm, ganz ohne äußerliche Veranlassung und mitten im freundschaftlichsten Gespräche die Worte sagt: »Wozu noch die Umschweife? Ich verhafte Sie als den Mörder des Duchâtel!« Es lag absolut nichts Greifbares gegen den Mörder vor. Nur der Instinkt hatte den Richter geleitet, und die verblüffende Schroffheit des Angriffs führte alsbald zum Sieg. Der Verbrecher verriet sich. Aehnlich wollte es Gräfin Adele mit Leo von Somsdorff machen. Sprach Gertrud wahr, so konnte auch hier die Wirkung nicht ausbleiben.

»Leo,« begann sie dumpf, »ich hab' etwas Furchtbares auf dem Herzen …«

Sie wollte hinzufügen: »Du hast Josefa mit Absicht ertrinken lassen, obgleich du sie retten konntest!«

Aber das klang ihr denn doch zu grausenhaft.

So drückte sie ihren Gedanken etwas gemildert aus: »Ich weiß jetzt, daß du den Tod meines Kindes gewünscht hast.«

Leo erbleichte.