Er küßte sie heiß und strich ihr tröstend über die Wangen.

»Wie gut du bist, und wie großmütig!« hauchte sie sanft. »Ja, nun soll alles vergessen sein! Wenn du mich willst, bin ich dein eigen für immer. Ich will dich hegen und pflegen wie mein teuerstes Kleinod, dir jeden Wunsch von den Augen absehen, dich doppelt lieb haben für das bittere Leid, das ich dir zugefügt!«

Nun ward sie ruhiger. Sie trocknete sich die Thränen hinweg und ergriff seine Hand.

»Weißt du auch, Leo, wie das gekommen ist? … Ach, ich war so verstockt in meinem thörichten Pharisäerstolz, der nicht des Wortes gedachte: ›Wir sind allzumal Sünder …‹ Fräulein von Rauch hat mir erzählt, daß du hier seiest, daß sie dir angemerkt, wie die Begegnung mit ihr dich erschüttert habe … Damals schon rief eine Stimme in meiner Brust: ›Mach's wieder gut! Geh zu ihm! Sag ihm, daß du ihn liebst!‹ Aber ich sträubte mich, – ach, du weißt ja, warum! Da hab' ich nun gestern – Leo, du wirst mich verachten oder bemitleiden, daß ich mein Lebensglück und das deine von solchen Zufällen abhängig machte – da hab' ich nun gestern in meinen Papieren gekramt, und da fiel mir ein Blatt in die Hand, das ich im Drang so unendlicher Aufregungen völlig vergessen hatte. Damals, an jenem gräßlichen Weihnachtsabend … ich weiß ja selbst nicht, wie es geschah … ich habe da in der Raserei meines Unmuts Dinge geschrieben …«

»Ich kenne das Blatt,« sagte Leo.

Er teilte ihr mit, wie er zu dieser Kenntnis gelangt war.

Sie errötete heiß.

»Wohl! So ersparst du mir die Notwendigkeit, die entsetzlichen Worte zu wiederholen. Gestern, als ich sie wieder las, hab' ich mich ihrer geschämt, wie einer Missethat. Leo, wie ungerecht war ich damals, wie grausam und frevelhaft! In demselben Moment fluchte ich ihm, da er den gräßlichsten Tod erlitt – und weshalb erlitt? Weil er sich über Gebühr eilte, um die paar Minuten, die er versäumt hatte, wieder einzubringen! Nun fand ich das gestern, und da sank mir der Schleier vom Auge, und ich begriff nun, daß ich kein Recht hatte, unversöhnlich zu sein …«

»Und wenn du eins hattest …«