Leo, so tief ihn der unerwartete Anblick erregt hatte, war doch gleich wieder Herr seiner selbst. Mit einer höflichen Phrase, die just so klang, als hätte er diese bebende Frau erst vor wenigen Tagen bei irgend einem indifferenten Souper gesehen, rückte er einen Stuhl herzu und bat sie, gefälligst Platz zu nehmen.

»Ich bin in der That überrascht,« sagte er kühl. »Was verschafft mir die Ehre?«

Sie hatte sich zögernd niedergelassen. Somsdorff bemerkte erst jetzt, daß sie noch tief in Trauer war. Er setzte sich gleichfalls. Mehr und mehr nahm er den Ausdruck einer kaltherzigen Courtoisie an.

»Fräulein von Rauch hat mich begleiten wollen,« sagte die Gräfin unsicher. »Fräulein von Rauch ist so gut und besorgt … Sie hielt es für schicklich …«

»Bitte!«

»Aber ich ließ sie drunten … Ich konnte nicht anders … ich mußte …«

»Was mußten Sie?« fragte Somsdorff, der bei dem Anblick ihrer zuckenden Lippen fast schon die Haltung verlor.

»Ich mußte dir sagen, daß ich dich liebe, daß ich nicht leben kann, wenn du mir nicht verzeihst!«

Ehe noch Somsdorff etwas erwidern konnte, sank sie schluchzend vor ihm aufs Knie und umklammerte seine Hände, wie eine Verzweifelte.

Nun bemühte sich Leo vergebens, die Rolle, die er sich vorgesetzt, weiterzuspielen. Alles zerbrach und zerschmolz. Ehe er noch ahnte, wie ihm geschah, hatte er die Geliebte emporgerissen. Mit beiden Armen hielt er sie fest umschlungen. Sie weinte, sie lachte, sie schmiegte ihr Antlitz erschauernd an seine Brust und stammelte unaufhörlich: »Vergib mir, vergib mir!«