Zum erstenmal seit geraumer Zeit hatte er so den Gleichmut verloren. Er staunte darüber; ja, es verdroß und erschreckte ihn, bis er sich sagte, diese Reflexerscheinung bedeute noch lang keinen Rückfall. Treibt uns nicht die Erinnerung an eine Gefahr, die weit hinter uns liegt, noch manchmal das Blut nach dem Herzen?

Er beruhigte sich also, fand nun die Sache begreiflich, und ging am nächstfolgenden Tag mit erneuertem Ernst seinen Interessen nach.

Zuvörderst bei seinem Verleger. Es gab hier mancherlei zu erörtern – Wissenschaftliches, Technisches und Geschäftliches – was mehrere Stunden in Anspruch nahm. Somsdorff stand so auf einmal wieder mitten im strengen Ideenkreis seiner Arbeit. Die selbstgenügsame Ruhe, die er bei ihrer Förderung sich angeeignet, kehrte zurück, um nicht mehr zu weichen.

So vergingen ihm fünf oder sechs Wochen. Somsdorff hatte seitdem die Gegend, wo er auf so unerwünschte Manier mit Fräulein von Rauch zusammengetroffen war, nicht wieder besucht und auch sonst nichts gesehen noch gehört, was zu der Gräfin Beziehung hatte. Er widmete sich – zum erstenmal seit mehr als zwei Jahren – ein wenig der großstädtischen Geselligkeit, verkehrte in mehreren Häusern, besuchte das Schauspiel, ritt, jagte und war von ungewöhnlicher Artigkeit gegen die Damen, während er in der spanischen Hauptstadt durchweg für einen »Bären« gegolten hatte. Kurz, er spannte sich vollständig aus, um für die Zukunft neue Kräfte und neue Schaffenslust anzusammeln.

Gegen Ende November saß er – es war gegen zwölf Uhr mittags – in seinem Zimmer und studierte den Fahrplan. Uebermorgen gedachte er abzureisen; vorerst nach Italien, wo er den Rest seines Urlaubs mit einer befreundeten Familie aus Malmö verbringen wollte, die vor acht Tagen bereits Deutschland verlassen hatte. Anfang Januar sollte er in Madrid sein.

Da pochte es leise an seine Thüre.

»Herein!« rief er ein wenig unwirsch. Er glaubte, es sei Leuthold, sein Diener. Nun aber rauschte es über die Schwelle, wie von Frauengewändern, und als er verwundert aufsah, stand Gräfin Adele vor ihm.

Sie zog die Thüre verschüchtert nach sich, als könne sie schon im nächsten Moment ein Wort hören, das ihr das Bleiben unmöglich mache. Er aber sprach keine Silbe. Mit der Gebärde des Nachtwandlers, den man plötzlich beim Namen ruft, hatte er sich erhoben. Unwillkürlich trat er zwei Schritte zurück, während sie regungslos auf dem Fleck verharrte. Ihr Antlitz war von rührender Blässe. Um den Mund lag ein tiefschmerzlicher Zug. Nur die Augen hatten den Glanz und das schwärmerische Feuer von einst.

»Herr von Somsdorff,« begann sie atemlos, »Sie staunen, daß ich's gewagt habe …«