Die Geschäfte nahmen ihn mäßig in Anspruch; um so mehr Zeit verwandte er auf seine wissenschaftlichen Studien.

Das Interesse, das er von je der wirtschaftlichen Situation der Pyrenäenhalbinsel entgegengebracht, hatte mit Teil daran, wenn er sich der Entscheidung, die ihn nicht nach Konstantinopel, sondern hierher berief, so lebhaft gefreut hatte. Er konnte jetzt unmittelbar an der Quelle schöpfen. Und so entstand in rastlosem Fleiß eine Reihe von Untersuchungen, die er demnächst unter dem Titel »Spanien« im Verlag einer altrenommierten Firma zu publizieren gedachte.

Das spanische Ministerium war ihm dabei mit großer Gefälligkeit an die Hand gegangen. Es schien, als lege die Madrider Regierung – vielleicht im Hinblick auf zukünftige Handelsverträge, vielleicht auch nur aus reinem Patriotismus – Wert darauf, die einschlägigen Verhältnisse einmal durch die Feder eines zwar objektiven, aber doch wohlwollenden Autors in amtlicher Stellung geschildert zu sehen, nachdem so oft schon Leute das Wort ergriffen hatten, denen Vorurteilslosigkeit oder gar Sympathie für Spanien nicht nachgerühmt werden konnte. Die Regentin sogar hatte sich über das Werk berichten lassen, nachdem der Gobernacionsminister einen der Hauptabschnitte – »Spaniens natürliche Hilfsquellen« – durch eignen Augenschein kennen gelernt.

Somsdorffs rastlose Thätigkeit vor dem Schreibtisch, in den Bibliotheken und im Büreau seiner Botschaft ward durch mehrfache Reisen in die verschiedensten Teile des Königreichs unterbrochen. Er besuchte Galicien, Estremadura und Leon; ein andermal die Provinzen des Südens, und von dort das betriebsame Katalonien; ein drittes Mal, um auch die Schatten in seinem Bilde nicht fehlen zu lassen, die Provinz Arragonien, wo er aus der Betrachtung der sogenannten »despoblados«, der abgestorbenen oder im Aussterben begriffenen Ortschaften, die dort in überraschender Anzahl zu finden sind, ein umfassendes Studium machte.

Zu Anfang Oktober – gerade zwei Jahre nach seiner Ankunft in Spanien – erbat er sich einen mehrmonatlichen Urlaub. Bis dahin hatte er auch während der Ferien die Halbinsel nicht verlassen, sondern die heiße Jahreszeit teils in Aranjuez, teils in der Sierra Guadarrama verlebt. Insbesondere war er vor dem Gedanken zurückgeschreckt, seine Erholungstage in Deutschland zuzubringen. Der Anblick der Heimat – das fühlte er – hätte ihm tausend gefahrvolle Erinnerungen wachgerufen und ihm den mühsam erkämpften Gleichmut in Frage gestellt. Jetzt aber hielt er den Augenblick für gekommen, diesen Erinnerungen Trotz zu bieten. Die Zeit hatte ihn ja von Grund aus verwandelt. Er, der früher ein Mann des lebendigen Lebens, ein lichtfreundlicher Epikuräer gewesen, schien jetzt untergetaucht im Ernst eines Schaffens, das ihn von allem, was sonst Männer in seinen Jahren lockt, endgültig abzog. Er war nicht glücklich, aber zufrieden – von jener kühlen, starren Zufriedenheit, die nicht weiter über sich nachgrübelt und vollständig aufgeht in den Anforderungen des Tages. Von Gräfin Adele hatte er nichts mehr gehört. Sie lag nun hinter ihm wie ein Traum. Wenn je einmal der Gedanke sich regte, wie alles nun sein könnte, so wies er ihn spöttisch zurück. Das war eine Schwäche, die übrigens mit der Zeit immer seltner sich einstellte, bis er zuletzt die Wendung der Dinge, wie sie nun vorlag, als etwas Selbstverständliches hinnahm, ohne Groll und Bedauern.

Am zwölften Oktober sah er zum erstenmal das Haus wieder, wo ihn die Gräfin damals so grausam zurückgestoßen. Es war nur ein Zufall, daß er vorbeikam: die Kutsche, die ihn nach dem Palais des Ministers brachte, fuhr diesen Weg, ohne daß er zu Anfang darauf geachtet hätte. Nun aber nahm er doch wahr, wie ihm das Herz lebhafter pochte. Dort die zwei Fenster gehörten zum Ecksalon, wo sich die traurige Scene abgespielt hatte … Drüben die Baumwipfel, die sich schon gelb und rot färbten, rauschten über dem Platz, wo sie so manches Mal während der kurzen, vergänglichen Zeit ihres Glückes beisammen gesessen und von der sonnigen Zukunft geplaudert hatten … Das war nun mehr als zwei Jahre her … und damals hatten sie Pläne geschmiedet, Pläne, deren Verwirklichung ihnen so zweifellos schien! … Armes, erbärmliches Schicksal des Staubgeborenen! Alles kommt anders! Selbst das Zuverlässigste hängt in der Schwebe, und das Gewisse scheint ebenso fraglich, wie das Ungewisse!

Ob Gräfin Adele noch jetzt hier wohnte? Leo stand ja so ganz außer Zusammenhang … Er mied die Beziehungen zu dem Einst und was ihn daran erinnern konnte, geflissentlich. Auch blieb ihm bei der gewaltigen Arbeitslast, die er sich aufgebürdet, absolut keine Zeit für müßige Privatkorrespondenzen …

Wie er dies eben erwog, fiel sein Blick auf das staunende Antlitz der Dame, die seit dem Tode Gerolds der Gräfin Gesellschaft leistete. Fräulein von Rauch kam zu Fuß aus der Richtung der Baustraße. Sie hatte vielleicht in der Nachbarschaft einen Besuch gemacht. Ihr Ausdruck verriet, daß sie ihn gleich erkannt hatte. Somsdorff ärgerte sich, weil er zusammenfuhr, wie ein ertappter Dieb. Er grüßte höflich, aber mit großer Gemessenheit, und trällerte dann die Anfangsstrophe eines Gitanaliedes.

Der Besuch bei dem Minister und ein langes Gespräch mit einem der vortragenden Räte riß ihn zunächst aus dieser unangenehmen Laune heraus: dann jedoch nahm sie mit desto größerer Nachhaltigkeit wieder Besitz von ihm. Den ganzen Tag blieb er noch unter dem Eindruck der »höchst fatalen Begegnung«. Gräfin Adele wohnte also noch da … und sie wußte es jetzt, daß er zurück war; ja, daß er durch ihre Straße gefahren! Fräulein von Rauch würde ihr's doch natürlich erzählen und vielleicht eine recht sonderbare Glosse daran knüpfen. Wie peinlich, wenn Gräfin Adele sein Vorbeikommen an der Wohnung für Absicht hielt!