Das gelang ihm jedoch sehr mangelhaft. Als er das Zimmer betrat, wo Leuthold soeben die Fenster schloß, überkam ihn der Gedanke, wie ganz anders er den heutigen Abend verbracht haben würde, wäre am Nachmittag der glühend ersehnte Brief eingetroffen … Diese Vorstellung wich und wankte nicht. Ja, es regte sich, aller Vernunft zum Trotz, etwas wie Hoffnung in seiner bedrückten Seele, ein letzter Schimmer: »Es wäre ja immer noch möglich!« Wütend über sich selbst ging er zu Bett, wälzte sich stundenlang hin und her und sah dann im Halbschlaf die himmlischen Züge Adelens, die ihm vertraulich zunickte, gütig und mild, wie einst in den Tagen des ersten Glücks.
Eine Woche verstrich, ohne daß sich etwas in der Situation Leos geändert hätte. Ab und zu verkehrte er mit dem jungen Rumänier. Ab und zu machte er seine Fahrt ins Gehölz. Ab und zu traf er Blanche und Cécile; einmal sogar Blanche allein, weil Cécile einen Schnupfen hatte, oder weil Blanche das hübscher fand. Im großen und ganzen jedoch wußte er nicht, was er eigentlich von Paris wollte. Er langweilte sich; er fühlte sich geradezu unglücklich. Zum Ernsten wie zum Vergnüglichen fehlte ihm Ruhe und Sammlung. Es war ein unaufhörliches Kommen und Gehen, eine Flucht vor sich selbst. Jetzt betrat er, wie stolz auf diesen erlösenden Einfall, das Louvre – etwa die Säle der Plastik –: und gleich darauf kam es ihm vor, als wandle er dort unter Leichen. Dann lief er nach dem Quartier latin, mischte sich unter die jungen Studenten, und sah nun erst recht, daß für den Verstoßenen hier kein Bleibens sei. Kaum gab es ein Stadtviertel, das er nicht heimgesucht hätte, zu Fuß, zu Wagen, frühmorgens, oder beim Schimmer der Gaslaterne. Ueberall fand er die gleiche Oede und Farblosigkeit. Selbst das sogenannte »Interesse« für Blanche ließ sich mit allem Eifer nicht großziehen.
Es half hier zunächst kein Trotz und kein Philosophieren: er stand noch sklavisch unter dem Bann seiner Leidenschaft. Nicht einmal sein stark ausgeprägter Gerechtigkeitssinn half ihm darüber hinaus. Im Gegenteil, sobald er sich anstrengte, ganz objektiv zu sein, mußte er einräumen, daß Adelens Entschluß doch nicht so unbegreiflich sei, wie er dies anfangs behauptet hatte. Sie kannte ja nicht die Genesis jener Stimmung, in der sein Unmut dem Kinde den Tod gewünscht: sie hielt sich vorab an die Thatsache. Das Schlimmste war, daß sie durch ihre Schroffheit in Somsdorffs Augen nur noch gewonnen hatte. Diese grenzenlose Pietät für die Tote, diese Treue über das Grab hinaus paßte ja vollständig zu dem Bild hehrster und lieblichster Weiblichkeit, das er von Gräfin Adele im Herzen trug! Sie handelte groß und heroisch! Es grauste ihr vor dem Manne, der nicht mehr im stande war, gemeinsam mit ihr die fromme Erinnerung an den verstorbenen Liebling zu hegen: so war sie denn tapfer genug, ein Band zu zerreißen, von dem sie kein Heil mehr hoffte!
In der zweiten Hälfte des Juli ward ihm die Oedigkeit seines Treibens, dazu auch der Staub und die Hitze so unerträglich, daß er sich plötzlich zur Abreise entschloß, wenn auch unter Veränderung seines ursprünglichen Planes. Er gab die Küste von San Sebastian auf und fuhr über die deutsche Grenze zurück nach dem Schwarzwald. Sein Nervensystem war so überreizt, daß er jetzt vor der Seeluft, die ihn erfahrungsgemäß aufregte, eine förmliche Angst empfand. Das dunkle Tannengrün dieser Berge mußte ihm wohlthun. Einige Bücher hatte er mitgenommen. Der ländliche Wirt, bei dem er sich eingemietet, war in seiner Art ein verständiger Mann, kernig und urwüchsig, mit dem sich ein Wort reden ließ, wenn man der sonst so willkommenen Einsamkeit müde war. Die Tochter, ein gutes, braves, häßliches Mädchen, gab nicht zu denken, wie die reizende Blanche, die doch bei all ihrer Hübschheit so wenig im stande gewesen, das kranke Gemüt von seinen Zwangsvorstellungen abzuleiten.
So vergingen dem jungen Mann zwei Monate in der schweigsamen Thalschlucht, eine Epoche der Unlust für das bewegliche Temperament seines vortrefflichen Leuthold, der sich aus barer Trostlosigkeit dazu herabgab, der garstigen Wirtstochter gründlich den Hof zu machen, heilsam jedoch, wie es schien, für den Herrn, der seine Tage mit diätetischer Pünktlichkeit einteilte, regelmäßige Ausflüge ins Gebirg unternahm, wieder ordentlich schlief, und einen freundlichen Ernst annahm, der mit der früheren Ungeduld seines Wesens nichts mehr gemein hatte.
In der letzten Septemberwoche trat Leo von Somsdorff die Fahrt nach Madrid an.
Dreizehntes Kapitel.
Ein Jahr verging und ein zweites. Somsdorff hatte sich in Madrid rasch eingelebt.