Somsdorff besann sich nicht lange. – Er war ja nun frei. – »Nun« war nicht einmal das bezeichnende Wort, denn frei war er schon mit dem Moment, als Gräfin Adele ihm grollend die Thür wies. Er konnte getrost da wieder anknüpfen, wo er aufgehört, eh' ihn das Schicksal nach Authenried-Poyritz geführt. Hätte er doch dies unheilvolle Besitztum nie mit Augen gesehen!

Er machte jetzt Kehrt. Nach zwei Minuten hatte er die Mädchen erreicht. Mit der Höflichkeit eines Weltmannes, der eine hochgefeierte Aristokratin begrüßt, zog er den Hut und ließ eine Phrase vom Stapel, die dem Selbstgefühle der beiden Putzmacherinnen ganz außerordentlich schmeichelte. Er bat um Entschuldigung, daß er hier scheinbar den Takt verletze: aber es dränge ihn, nach dem Rencontre von heute früh, dessen Schuld ihn allein treffe, den Damen nochmals sein tiefstes Bedauern zu äußern.

Er hielt diesen etwas gespreizten Ton eine Weile noch fest, obgleich er alsbald merkte, daß er sich über die Anspruchslosigkeit dieser kleinen Geschöpfe durchaus nicht getäuscht hatte. Die Blonde sah ihn so dankbar an! Es war ihr augenscheinlich höchst angenehm, in Herrn von Somsdorff, der sich sogar jetzt vorstellte, und zwar schlechthin als »Monsieur Léon«, einen so wohlerzogenen, rücksichtsvollen, wenn auch vielleicht etwas gar zu umständlichen Kavalier kennen zu lernen.

Nach Verlauf einer Viertelstunde saßen die drei vor dem Café Riche und plauderten frisch darauf los, als sei die kaum erst geschlossene Kameradschaft schon Wochen alt. Die Blonde hieß Blanche – Blanche Leterrier –; die Schwarze, weniger hübsche, Cécile Prévôt. Sie waren Cousinen und jetzt schon über ein Jahr bei Mademoiselle Félicie Marchand, wo sie ihr gutes Auskommen hatten. Das Geschäft dieser Dame warf ein Stück Geld ab – enorm! Und Mademoiselle Marchand, die selber von klein auf angefangen, war eine wirkliche Mutter für ihre Arbeiterinnen. Blanche excellierte im »Fertigstellen«; sie gab den Hüten und Hütchen den letzten Chic und mußte sie sämtlich am großen Spiegel des Rückzimmers aufprobieren, da sie, wie Mademoiselle behauptete, ein so ausgezeichnetes Hutgesicht hatte. Cécile war vorzugsweise »Fleuriste«. Sie arrangierte die Blumen- und Rankenwerke. Mademoiselle beschäftigte vierzehn Arbeiterinnen und eine »Première«, die nur die Aufsicht führte und Briefe und Rechnungen schrieb, dafür aber mehr bezog, als Blanche und Cécile beide zusammengenommen.

»O, und sie ist so häßlich!« meinte die liebliche Blanche mit einem Lächeln, das gar deutlich besagte: »Wir dagegen – nicht wahr – Monsieur? …«

Nachdem sie die große Portion Gefrorenes hinabgelöffelt und sich nunmehr für einen »petit noir« erklärt hatten, fingen die beiden Mädchen an, ihren Herrn Ritter nach seinem Was und Woher zu fragen. Somsdorff, dessen Beklemmung allmählich nachließ, machte sich das Vergnügen, den stolzen Talar einer gewissen Romantik um die Schultern zu nehmen und sich mit großer Treuherzigkeit für einen russischen Flüchtling auszugeben, der seiner freiheitlichen Bestrebungen halber von der moskowitischen Tyrannei verfolgt werde. Der Galgenhumor, der ihn ergriff, trieb ihn zu immer grelleren Ausmalungen. Er lockte so in die Augen der hübschen Blanche einen Schimmer der Rührung, der um so lebhafter wurde, je öfter er seine Worte direkt an sie wandte. Als man sich nach Verlauf einer Stunde erhob, konnte sie nicht mehr im Zweifel darüber sein, daß sie die Bevorzugte war; daher sie denn auch das Wort ergriff, um Leos Frage, ob und wo er die beiden Damen wiedersehen dürfe, mit liebenswürdiger Deutlichkeit zu beantworten.

»Morgen,« sagte sie, »ganz um dieselbe Zeit – hier auf dem Boulevard! Nicht wahr, Cécile?«

»Ganz wie du willst! Freilich – morgen hat Antoinette Geburtstag …«

»O, das macht nichts! Wir gratulieren ihr schon beim Frühstück! Also – auf Wiedersehen!«

Somsdorff wollte die Mädchen bis an die Wohnung bringen: aber sie dankten mit großer Entschiedenheit. So ging er noch eine Weile im dichtesten Volksgewühl auf und ab, lächelte innerlich über die Albernheit seiner Erfindungen und begab sich dann ins Hotel, fest entschlossen, die ganze Glut seiner Einbildungskraft nunmehr auf das hübsche Gesichtchen der reizenden Blanche Letellier zu konzentrieren.