Aber der Briefträger zuckte ganz mit der gleichen Gebärde, wie gestern der Concierge, die Achseln und sagte dann höflich: »Vielleicht mit dem folgenden Umgang!«
Diesmal war Leo von Somsdorff sprachlos. Trostsprüche, wie er sie gestern so leicht noch handhabte, verfingen nicht mehr. Sie hat nicht geschrieben; sie wird überhaupt nicht schreiben: das war der Sachverhalt, der ihm jetzt unwiderruflich schien. Es gibt Obliegenheiten, die man entweder gar nicht, oder sofort erledigt. In diese Kategorie zählte die Antwort auf seinen Brief, der doch wahrlich ein übriges that in Demut und Selbstverleugnung! Also sie wollte nicht!
Trotzdem blieb er noch eine Weile im Zustand unausgesprochner Erwartung. Fünf- oder sechsmal ging er und kam er … Mit auffälliger Langsamkeit schob er sich an der Loge vorüber … vielleicht, vielleicht trat der beleibte Concierge zu ihm heran … Direkt nachzufragen schämte er sich.
Es war ein qualvoller Tag. Das ewige Auf- und Niederwogen der Stimmung, der unvermittelte Wechsel von Bangigkeit, Sehnsucht, Aerger und Zorn drückte auf alle Nerven. Zuletzt hielt er's in dem Bereich des Hotels, das er umkreist hatte, wie ein Detektiv die Verbrecherhöhle, nicht länger aus. Er bestieg eine Droschke und fuhr auf dem kürzesten Weg ins Boulogner Gehölz. Er kam sich so über die Maßen jämmerlich und verwaist vor, daß er laut hätte aufschreien mögen. Da es die Zeit des Diners war, nahm er dort irgendwo einen Imbiß, trank eine Flasche Léoville, die ihm den Kummer nicht einwiegte, und machte sich gegen halb neun auf den Heimweg.
Obgleich die Jahreszeit schon stark vorgerückt war und ein erheblicher Teil der »Gesellschaft« sich in Villegiatur befand, herrschte doch auf den glänzend erleuchteten Boulevards ein Gedränge, wie kaum in der hohen Saison. Die endlosen Tischreihen vor den Kaffeehäusern waren über und über mit Gästen besetzt. Ein flüchtiger Regenschauer hatte den Staub niedergeschlagen; die Luft war köstlich; ein tiefblauer Himmel, der noch im Westen ein leuchtendes Rot zeigte, spannte sich wolkenlos über das bunte Gewühl.
Somsdorff fragte sich, ob er nicht trotz des herrlichen Wetters noch ein Theater oder das gastfreie Haus einer vornehmen englischen Dame besuchen solle, die heute Empfangstag hatte. Dies stumme Alleinsein unter dem wogenden Menschenschwarm, der so angeregt und vergnügt schien, so ganz und gar ohne Sorgen und Kümmernisse, spannte ihn ab. Es war wie das nervenermüdende Branden des Meeres, ein ewiger Wellenschlag – ohne Einzelerlebnisse, die ihn wirklich zerstreut hätten.
Da, an der Ecke der Rue Vivienne, wo er einen Moment stehen blieb, sah er plötzlich in zwei strahlende Mädchengesichter, die erstaunt zu ihm aufschauten. Es gab ihm einen Stich ins Herz. Sofort hatte er die beiden zierlichen Püppchen von heute morgen erkannt, mit denen er so ungeschickt karamboliert hatte. Die ganze Stimmung jener Minute, die freudige Zuversicht, die sich so bald in herbste Enttäuschung verwandeln sollte, trat ihm grell ins Bewußtsein. All seine Trübsal erneute sich.
Und der Abend war so bezaubernd, das Licht floß in so funkelnden Strömen von rechts und links aus den Kaffeehäusern und Brasserieen, und die zwei Mädchen, die ihn mit ihren schelmischen Augen so freundlich anblitzten, waren so jung und so lebensfrisch! Besonders die eine – die mit dem quellenden Blondhaar unter dem zierlichen braunen Strohhut! Ihre Zähne schimmerten schneeglöckchenweiß durch das rosige Lippenpaar, das sich ein bißchen stark öffnete, wenn sie lachte, aber so duftig schien, so weich und so küßlich …
Nun sah die Blonde sich um. Wahrhaftig, ein reizendes Ding, so zierlich und schwalbengleich! Die echte Pariserin! Ganz ehrbar und anständig schauten sie aus, die beiden übermütigen Kinder, aber doch so, daß man es wagen durfte, sie anzureden. Natürlich! Sie flanierten ja so allein – just wie Somsdorff – und wenn man den Tag über Federn und Blumen zu arrangieren hat, und nicht die Mittel besitzt, am Abend einen Salon zu besuchen, wo man Bekanntschaften macht nach allen Regeln des guten Tons, dann nimmt man es grade nicht streng mit der Etikette und amüsiert sich einmal auch ohne den Austausch der üblichen Präliminarien …