Nun begann eine Zeit fiebernder Ungeduld.
Im ersten Taumel der sich neu belebenden Hoffnung rechnete Leo fest auf ein Telegramm. Adele, wenn sie nun sah, wie er im Gram sich verzehrte, würde ihn doch bestimmt nicht so lang auf die Folter spannen, bis eine briefliche Antwort in seine Hände gelangt sein konnte! Er sah sie im Geist, wie sie mit zitternder Hand die Empfangsbescheinigung unterschrieb, das Couvert erbrach, die längst schon erwarteten Zeilen im Sturm überflog und dann sofort anspannen ließ, um in eigner Person nach dem Telegraphenbüreau zu fahren. O, diese Depesche! Ganze Stunden verbrachte Somsdorff mit dem Erwägen des vermutlichen Inhalts. Keine der Fassungen, die ihm vorschwebten, dünkte ihm herzlich genug, keine entsprach der köstlichen Eigenart der Geliebten! Es würde ein langes, ein umständliches Telegramm sein, glühend und doch versteckt im Ausdruck, nur ihm verständlich, für die Beamten jedoch hieroglyphisch und rätselhaft …
Aber der Tag, an dem der Einschreibebrief spätestens in die Hände Adelens gelangt sein mußte, verstrich, ohne daß der Portier des Hotels auf die wohl zwanzigmal wiederholte Nachfrage Somsdorffs eine bessere Antwort gehabt hätte, als ein lächelndes »Rien, Monsieur« oder ein artig bedauerndes »Pas encore«. Bis gegen Mitternacht hielt sich Somsdorff buchstäblich auf der Lauer. Er saß, die Abendnummer eines Boulevardblattes zwischen den Fingern, in dem spärlich erleuchteten kleinen Salon, der an sein Schlafzimmer stieß, und horchte auf jedes Geräusch, das draußen im Gang sich rührte, auf jeden Schritt, der abgedämpft über den Läufer huschte. Von Zeit zu Zeit stand er auf, um die Thüre zu öffnen. Er glaubte Stimmen zu hören, die nach ihm fragten. Einmal klang es wie »Monsieur de Somsdorff«, so scharf und bestimmt – er hätte die Wirklichkeit dieser Worte beeidigt … Und doch war alles ein Spiel seiner erregten Einbildungskraft.
Schwer niedergedrückt ging er nun endlich zu Bette. Da er infolge des unausgesetzten Wartens nicht gleich einschlafen konnte, versuchte er, sich die Trostlosigkeit der Enttäuschung zurechtzulegen, und kam – wie dies immer geschieht, wenn man die Hoffnung auf ein glückliches Resultat um keinen Preis aufgeben will – zu der frohen Erkenntnis, er selbst trage die Schuld an dieser Enttäuschung, da er etwas vorausgesetzt habe, was er gar nicht voraussetzen durfte. Ganz mit der nämlichen Logik, die ihm bis jetzt dargethan hatte, es sei unmöglich, daß Gräfin Adele nicht telegraphiere, bewies er sich jetzt das Gegenteil. Wie hatte er annehmen können, sie, das feinfühlige, scheue Gemüt, werde so peinlich intime Vorgänge einem Blatt anvertrauen, das durch die Hände unbeteiligter Menschen wandern und Gott weiß von wie vielen gleichgültigen oder gar spöttischen Blicken profaniert werden mußte! Und ferner: das Beste, das Heiligste, was sie ihm sagen konnte, ging doch naturgemäß seiner Wirkung verlustig, wenn es ihm nicht in den eigenen Schriftzügen der Geliebten vors Auge trat! Ein Telegramm, das Offenbarungen des Herzens enthielt, war eine Roheit, die mit den Heiratsannoncen und ähnlichen Ausgeburten des Zeitgeistes auf der nämlichen Stufe stand! Nein, solcher Mißgriffe war Adele nicht fähig, – und im Geiste bat er sie um Vergebung, daß er so thöricht gewesen, das einfach Undenkbare für wahrscheinlich zu halten.
Nun ward er ruhig und fand so allmählich den Schlaf. Kurz nach sechs jedoch fuhr er, wie jemand, der sich plötzlich erinnert, empor. Die Julisonne schien grell durch die unvollständig geschlossenen Gardinen, deren brennender Purpur über das ganze Gemach einen rosigen Schimmer goß. Es war wie die Vorahnung eines Festtages. Leo von Somsdorff nahm das zum guten Zeichen. Heute konnte ja nun ein Brief kommen!
Er zog sich an, bestellte sich Thee, warf einen Blick in die Zeitung, die er während des gestrigen Abends mehr zerknickt als gelesen hatte, und verließ dann mit Herzklopfen das Hotel.
Das eigentliche Paris war noch nicht aufgewacht. Arbeiter und kleine Verkäuferinnen wanderten scharenweise nach ihren mannigfaltigen Werkstätten, Magazinen und Läden, während ganze Kolonnen von Straßenkehrern damit beschäftigt waren, den Fahrdamm zu reinigen. Somsdorff beschaute dies fremdartige Bild mit jener vielgeschäftigen Neugier, die alles willkommen heißt, was ihr Ablenkung von dem Gegenstand ihrer Ungeduld bietet. Unter den Mädchen, die zum Teil in geschmackvollen, wenn auch meist sparsamen Toiletten über den glatten Asphalt huschten, befanden sich ganz allerliebste Gesichter, anmutig, frisch und just wie geschaffen, um ein vergrämtes Gemüt zum Frohsinn und zur Lebenslust zu bekehren. Somsdorff indes starrte sie an, ohne das wahrzunehmen.
Nur ein einziges Mal ward er aus seiner Stumpfheit aufgerüttelt, als er, nach seinem Hotel zurückschreitend, mit zwei solcher Püppchen, die eben aus einem Thorweg heraustraten, heftig zusammenstieß, ein verblüfftes »Pardon!« stammelte und höflich den Hut zog.
Die Mädchen lachten. Eine von ihnen, die hübscheste kleine Blondine, die man sich denken konnte, sagte mit dem entzückendsten Stimmchen »Il n'y a pas de quoi«, und warf ihm dabei einen Blick zu, den er trotz aller Zerstreutheit nicht übersehen konnte. Dann schritten die beiden quer über die Straße nach einem Putzmachergeschäft, dessen mächtige Eisenvorlagen noch fest geschlossen im Glanz der Sonne blinkten, und verschwanden dort in dem Nebeneingang unter dem Thürschilde, das in silberner Rundschrift den melodischen Namen der Inhaberin »Félicie Marchand« trug.
Nun endlich, da Somsdorff wieder vor seinem Hotel stand, kam der »Facteur«, den hölzernen Kasten schwer mit Briefschaften aller Art überladen. Leo war seiner Sache gewiß. Er fragte jetzt gar nicht: »Haben Sie was für mich?« sondern streckte dem Mann, der einen ganzen Stoß von Korrespondenzen nach der Portierloge trug, einfach die Karte entgegen.