Zwölftes Kapitel.
Hals über Kopf trat Somsdorff die Reise an; wenn auch nicht an dem nämlichen Tage, so doch am folgenden. Leuthold, sein Diener, hatte ihm das Notwendigste packen müssen. Die alte Wirtschafterin, die seit vergangenem Herbst engagiert war, blieb zunächst in der Wohnung. Sie sollte vor ihrem Weggang, der Ende September erfolgen würde, die Möbel bei einem Transportgeschäft unterstellen. Den Leuthold, einen gewandten, tüchtigen Menschen, der ihn bereits nach Rußland begleitet hatte, nahm er auf dieser plötzlichen Flucht mit.
Somsdorff kannte die Gräfin hinlänglich, um zu wissen, daß es sich hier durchaus nicht um eine »Scene« handelte, die nach einigen Tagen des Schmollens mit einer Versöhnung schließt. Der Aufschrei ihres verletzten Gefühls war zu leidenschaftlich, zu elementar gewesen, als daß sich ein Umschwung in absehbarer Zeit hätte erwarten lassen. Uebrigens war Leo zu stolz, um diese Möglichkeit in Betracht zu ziehen. – »Er wird sich zu trösten wissen!« Dies letzte Wort beim Ueberschreiten der Schwelle klang in ihm nach wie ein feierliches Gelöbnis.
Zu Anfang meinte er auch, das mit dem Trösten ginge so leidlich. Die Bitternis, die in ihm gärte, täuschte ihn über den Kern seines Empfindens.
»Ich habe die Frauen zu hoch taxiert,« sagte er zu sich selbst, und kokettierte dabei mit den Stimmungen einer längst überwundenen Frivolität. »Noch in Sankt Petersburg war ich ein Weltweiser, der sie nahm, wie sie sind! Mit dem Augenblick, da ich vom Pfade der Philosophie abwich, hat im Verborgenen die Nemesis auf mich gelauert! Ein ganz abnormer Charakter, diese Adele! Bezaubernd, hinreißend – ja! Aber doch eben so wankelmütig, wie ihre Schwestern, wenn auch auf andrem Gebiet! Es fehlt ihr im Blute! Wo die gewöhnlichen Weiber die Liebe wechseln, da wechselt sie mit dem Haß! Erst ihr bedauernswerter Gemahl, – dann ich! Wer weiß, wodurch er sich die Verstimmungen zugezogen, die ihr die Galle empörten! Vielleicht war die erste Ursache eine ganz harmlose Bemerkung über das Kind! Ein Wort des Verdrusses, der Ungeduld! Sie aber, mit ihrer nervösen Feinfühligkeit … Lächerlich!«
Und es war nicht zu ändern! Sollte er sich sein jungfrisches Leben verkümmern um dieses flüchtigen Intermezzos willen? Er war ja nun auf der Fahrt nach Paris, wo er sich acht Tage aufhalten wollte, vielleicht auch vierzehn. Dort in dem Eldorado der Teufel hielt eine deutsche Liebe, wenn sie daheim noch so viel Zeit gehabt, Wurzeln zu schlagen, nicht lange vor. Auch Spanien galt für ein zweckentsprechendes Heilterrain! Zunächst San Sebastian mit seinem funkelnden Badeleben; denn in der Hauptstadt war es vor Mitte September zu heiß … Fort also mit den trüben Gedanken! Im Herbste kam dann die Arbeit … es würde schon gut werden!
Leider schwand diese Zuversicht rasch. In Paris fühlte sich Somsdorff, trotz der mannigfachen Beziehungen, die er mit Leichtigkeit anknüpfen konnte, öd und vereinsamt. Die Vergangenheit war nicht durch einen bloßen Entschluß abzustreifen, und ebensowenig ließ sich die Neigung und das Verständnis für die oberflächlichen Tändeleien der goldenen Jugend künstlich heraufbeschwören. Wer einmal am Born einer echten und wahrhaftigen Liebe getrunken, den mutet alles, was ihn sonst wohl gelockt hat, schal und erbärmlich an, just wie der Sage zufolge an dem geweihten Spiegel, den Ormas göttlicher Hauch streifte, kein Wasser haftet.
Am vierten Abend bereits, da Somsdorff aus einer der großen Konzerthallen der Champs Elysées, wo er mit einem jungen Rumänier den brausenden Fanfaronaden einer bildhübschen Volkssängerin gelauscht hatte, in sein Hotel zurückkam, war es mit seiner Selbstbeherrschung zu Ende. Alles, was er sich vorgeredet, zerfloß wie Rauch. Nach einer schlaflosen Nacht war sein Entschluß gefaßt. Er schrieb an Gräfin Adele einen ausführlichen Brief, worin er noch einmal ruhig und klar auseinandersetzte, was er ihr mündlich gesagt, und sie heilig beschwor, nicht um der einen tausendfältig beklagten Thorheit willen ihn und sich selbst für alle Zeit elend zu machen. Er könne das Leben fern von ihr nicht ertragen. Was er bis jetzt gelitten, sei auch im schlimmsten Fall Buße genug, zumal doch auch seine Eigenliebe unter der schroffen Behandlung, die er erfahren, immer noch blute. Zum Schluß bat er sie um sofortige Nachricht. Er werde nicht eher wieder frei aufatmen, bis er Gewißheit habe, daß sie ihm endlich verzeihe.
Somsdorff ließ den Brief, den er als Einschreibesendung bezeichnete, unverzüglich durch seinen Bedienten zur Post bringen. Er wollte die halbe Stunde, die er noch zur Erledigung seiner Toilette brauchte, nicht erst verstreichen lassen; sonst wäre er selbst gegangen.