»Ich kann's ja nicht glauben!« sagte er, blaß wie ein Toter. »Wenn ich so Schauderhaftes gedacht und gefühlt habe, – du weißt's doch, Adele – so war's nur im Irrsinn, im Wahn der Verzweiflung! Ich habe mich dieser Gedanken geschämt; ich habe sie bitter bereut. Wie oft mag Aehnliches schon gedacht worden sein, ohne daß es dann später zur Aussprache kam! Liebste Adele! Besinne dich, um deinet- und meinetwillen! Ich gehe, wenn mich ein gütiges Wort nicht zurückhält! Noch einmal: Vergiß meine Schuld! Das alles ist ausgelöscht! Lebte dein Kind, ich würde es hegen wie meinen Augapfel! Hörst du, Adele?«

»Du hast ihr den Tod gewünscht!« sagte die Gräfin. »Wer dieser Schändlichkeit fähig war, der kennt auch die Liebe nicht! Dem Himmel sei Dank, der mir im letzten Moment noch die Augen öffnet! Geh nur! Ich wünsche dir alles Gute!«

Sie drehte ihm langsam den Rücken und schritt auf das halbgeöffnete Fenster zu, wo ein flüchtiger Hauch die Gardinen bewegte.

»Es ist großartig!« murmelte Somsdorff bebend. »Die Mutter, für deren Kind ich beinah gestorben wäre, jagt mich hinaus wie einen lästigen Strolch! Nun, ich bin nicht gewohnt, mich aufzudrängen! Möchtest du deine Engherzigkeit niemals bereuen!«

»Was geht hier vor?« stotterte Fräulein von Rauch, die in demselben Moment auf die Schwelle trat, als Somsdorff die Klinke ergriff.

»Ich habe mich eben von der Frau Gräfin verabschiedet,« sagte er spöttisch. »Heute noch reise ich ab nach Madrid, wo ich einstweilen mich einleben will, bis ich von amtswegen dort zu thun habe. Nein, ich bedaure unendlich! Keine Minute mehr! Ihnen, mein gnädiges Fräulein, danke ich anläßlich dieser Wendung noch ganz besonders für die unendliche Güte, mit der Sie meine geringe Person überschüttet haben. Leben Sie wohl! Gräfin Authenried wird Ihnen alles Nötige schon auseinandersetzen!«

»Herr von Somsdorff, ich bitte Sie …«

»Laß ihn, laß ihn!« stöhnte Adele, durch die frostige Ironie im Tone Leos plötzlich um ihre Fassung gebracht. »Ich will nicht, daß du auch nur eine Silbe noch mit ihm redest!«

»Er ist dessen nicht würdig,« fügte Somsdorff hinzu. »Nun, er wird sich zu trösten wissen!«