Nachdem er der immer noch schweigenden jungen Frau mitgeteilt, was ihn entlastete – den Gang nach dem Uferplatz, die Schlaflosigkeit so vieler trauriger Nächte, das Rauschen der einsamen Flut, das ihn mit Allgewalt hypnotisierte, sein bängliches Träumen, sein jähes Erwachen und die erschütternde Wahrnehmung, daß es zu spät sei – fügte er im Ton feierlichster Beteuerung hinzu:

»Glaub' mir, Adele, ich hätte dein Kind auch damals gerettet, trotz jener gehässigen Stimmung, die ich jetzt kaum noch begreife! Daß es nun starb, das empfand ich ja gleich in der ersten Sekunde wie einen Vorwurf, obgleich ich so schuldlos war, als du selbst! Schau mich doch an! Du kannst ja nicht zweifeln, daß ich die Wahrheit rede!«

»So gibst du dein Ehrenwort?«

»Ja, mein Ehrenwort!«

Sie brach in ein wildes Schluchzen aus.

»Und du meinst,« stöhnte sie schmerzlich, »daß nun alles mit dieser Erklärung gut sei? Daß sie dem Mutterherzen genügt …? Sieh, das wußte ich ja im voraus: irgend etwas in dem Exempel Gertruds war ungenau! Männer wie du sind eher noch einer schändlichen That fähig, als einer so nichtswürdigen Unterlassung. Aber was bleibt, ist gerade noch furchtbar genug. Leo, ich kann mit dem Mann, der meinen Liebling hinweggewünscht hat, nicht glücklich werden! Wie? Diese Hand, die vor Wut und Feindseligkeit gegen das Licht meines Lebens gekrampft hat – diese Hand, mit der du mein süßes Kind hättest erwürgen mögen – ich soll sie zum ewigen Bund in die meine schließen? Niemals! Lieber die Einsamkeit bis ans Ende! Nein, ich beschwöre dich, rühr' mich nicht an, Leo! Es gibt Dinge, gräßliche Dinge, die wider alle Natur sind! Laß mich – in dieser Minute noch! Alles, was ich versprochen, nehm' ich zurück! Ich liebe dich nicht! Ich verzeihe dir nicht! Ich kann deinen Anblick nicht länger ertragen! Geh!«

Sie hatte sich langsam erhoben. In den tiefschwarzen Augen glomm ein verzehrendes Feuer. Sie stand ruhig und majestätisch vor ihm, völlig verändert in ihrem Wesen, grausam gegen sich selbst, aber unerbittlich in ihrem Entschluß.

»Adele! Du willst mich zurückstoßen, du, mein Glück und mein Alles!«

»Geh!« wiederholte sie gleichmütig.

Somsdorff zögerte noch.