Samuel Heinzerling maß inzwischen mit großen Schritten die Zelle. Seine ganze Erscheinung gemahnte an den afrikanischen Löwen, den menschliche Gewinnsucht in den Käfig gebannt, ohne die stolze, urwüchsige Kraft seiner edlen Natur brechen zu können. Die Hände auf dem Rücken, das Haupt mit der grauen Mähne wehmüthig auf die rechte Schulter geneigt, die Lippen fest aufeinander gepreßt, – so wandelte er auf und nieder, auf und nieder, – die düstersten, menschenfeindlichsten Gedanken im Gemüthe wälzend.

Plötzlich spielte ein breites Vollmondslächeln über seine Züge.

»Es äst ond bleibt doch komäsch!« murmelte er vor sich hin. »Wahrhaftig! Wenn äch nächt so onmättelbar bei der Geschächte betheiligt wäre, äch könnte sä amösant fänden …«

Er blieb stehen …

»Gereicht mär däse Öberlistung eigentlich zur Schande? Pröfe Däch, Samoël! Hat nächt ein bekannter Könäg dem Diebe, der ihm eine Uhr stehlen wollte, eigenhändig dä Leiter gehalten? Äst nächt selbst Först Bäsmarck von boshafter Hand ränkevoller Weise eingerägelt worden? Hondert andrer Fälle nächt zo gedänken! Ond doch begägnet dä Wältgeschächte besagtem König mät Hochachtong. Ond doch gilt Först Bäsmarck nach wä vor för den bedeutendsten Däplomaten Europa's! Nein, nein, Samoël! Deine Wörde als Scholmann, als Börger, als gebäldeter Denker leidet nächt äm Gerängsten onter däser peinlichen Sätoation! Berohige Däch, Samoël …«

Er setzte seine Promenade in befriedigter Stimmung fort. Bald aber unterbrach er sich von Neuem.

»Aber meine Prämaner!« stammelte er erbleichend. »Wenn meine Prämaner erfahren, daß äch auf dem Carcer gesässen habe! Onerträglächer Gedanke! Meine Autorität wäre ein för alle Mal dahän! Ond sä wärden es erfahren! Sä mössen es erfahren! Äch bän ein för alle Mal däscredätärt! O ähr Götter, warom habt ähr mär das gethan!«

»Herr Direktor«, flüsterte jetzt eine wohlbekannte Stimme an der Zellenthüre … »Sie sind noch lange nicht discreditirt! Ihre Autorität steht noch in vollem Flore …«

»Rompf!« stammelte Samuel – »Schändlicher, gottvergeßner Mänsch! Öffnen Sä! Augenbläckläch! Betrachten Sä säch als moralisch geohrfeigt! Sähen Sä säch för dreifach relegärt an!«