»Du kannst meinem Scharfblick vertrauen … Ich habe mich von jeher in distinguirter, vornehmer Gesellschaft bewegt. Ein Mann von einer so auffallenden Sicherheit der Manieren einer so tadellosen Routine ist kein Dichter.«

»Und was wäre er dann?« fragte Laurentia spöttisch.

»Ein feingebildeter Weltmann, ein Sohn aus altadeliger Familie, ein Gentleman, ein Cavalier – kurz Alles, was Du willst, nur kein Poet. Ich bitte Dich! Wie sorgfältig er gekleidet war! Die blendende Wäsche! Die reizenden Lackstiefelchen! Die elegante Halsbinde! So kostümirt sich kein Dichter! Nein, nein, ich verstehe mich darauf! Er ist aus vornehmem Geschlecht – vielleicht ein Graf, dessen Schwester zu Fräulein Holger gebracht werden soll … Es wäre himmlisch, wenn unser Pensionat eine Gräfin bekäme. Immer nur bürgerliches Element – das ermüdet auf die Dauer entsetzlich! Man läuft Gefahr, seine Tournüre einzubüßen …«

»Der Adel liegt nicht im Stammbaum, sondern in der Organisation der Seele!« bemerkte Laurentia bedeutsam. »Ja, Ewald ist von Adel – aber nicht in dem Sinn, wie Du es auffassest … Er ist ein Ritter vom Geist …«

»Und ich sage Dir, er ist zum mindesten Baron! Ich wette um was Du willst! Seine noble Zerstreutheit hatte etwas Diplomatisches! Ich möchte ihn für einen Gesandtschaftsattaché halten. Wie verächtlich er Iduna's miserablen Kaffee behandelte! Schon in diesem einen Umstande liegt eine unumstößliche Garantie.«

»O, welche Verblendung!«

»Ja wohl, Du bist verblendet! Was nun den zweiten Punkt betrifft, seine angebliche Liebe zu Dir – so erlaubst Du mir die Bemerkung, daß ich Deine Einbildung gerade zu unbegreiflich finde …«

»So?« sagte Laurentia spitz.

»Wenn doch hier von einer Auszeichnung, einer Bevorzugung die Rede sein soll, so unterliegt es, wie mich dünkt, keinem Zweifel, daß der Baron – (ich nenne ihn so, um ihn ja nicht zu überschätzen; ich möchte indeß schwören, daß er Graf ist) – es unterliegt keinem Zweifel, sage ich, daß der Baron seine Blicke dahin wendet, wo Haltung und Erscheinung ihm die Ebenbürtige verrathen … Ich bin wahrhaftig die Letzte, die sich auf ihren Adel etwas einbildet, aber wenn Du's denn doch absolut wissen willst, so magst Du's hören … Der Baron hat sofort erkannt, wie die Dinge lagen. Meine Schweigsamkeit, mein aristokratisches Wesen … Er müßte kein Cavalier sein, um auch nur eine Sekunde im Unklaren zu bleiben. Uebrigens bin ich hübsch, wie ich ohne indiskret zu sein behaupten darf … Es fällt mir nicht im Traum ein, schon nach einer so flüchtigen Begegnung an eine ernstliche Neigung zu denken – aber, daß er sich für mich interessirt, und zwar recht lebhaft interessirt, das sagt mir sein ganzes Benehmen. O, ich verstehe mich auf die Männer! ich besitze Erfahrungen! Freilich werde ich erst zu Weihnachten fünfzehn Jahre alt, aber wer in den aristokratischen Kreisen aufgewachsen ist, der bedarf einer kürzeren Studienzeit, als Ihr Kaufmannstöchter … Gib Acht, Laurentia, ehe das neue Semester anbricht, bin ich seine Braut! Also schlag Dir die Grillen aus dem Kopf und komm zur Vernunft. Eines schickt sich nicht für Alle!«

Laurentia lachte.