»Ja, Virginie«, fuhr Laurentia im Tone einer wachsenden Begeisterung fort, »seit einer Viertelstunde gehöre ich nicht mehr dem wirren Getriebe dieser Erde an! Ich liebe und werde wieder geliebt! Tausend ätherische Fittiche tragen mich empor in die reinen Regionen des Glücks, der Wonne, der Seligkeit! Ich schwebe, ich wiege mich in dem Luftmeer einer unbeschreiblichen Verzückung! Virginie! Du bist noch nicht fünfzehn Jahre alt! Du kannst noch nicht nachempfinden, was es heißt: Lieben und geliebt zu werden …! Aber auch Dir wird einst die Stunde der Offenbarung schlagen. Dann, wenn die Welt Dir rings umher in Nebel zerfließt, wenn Du die Atmosphäre einer geheiligteren, geistigeren, himmlischeren Existenz athmest – dann denke an mich, Virginie!«

»Wie erregt Du bist!« versetzte die Freundin.

»Erregt! Virginie, ich liebe, und Du wunderst Dich, daß ich erregt bin! Wie singt Ewald Silberfluth in seinem herrlichen Gedicht: ›Süße Qualen‹? … ›Wenn der Sehnsucht Gluth an die Herzen pocht, wenn der Sehnsucht Fluth in den Adern kocht, wie verzehrt sich dann die entflammte Lust! wie verklärt sich dann die bewegte Brust!‹ … Gebiete dem Ocean Schweigen, wenn der Sturm darüber einherbraust, aber verlange nicht Gelassenheit von der Seele, die liebt!«

»Laurentia«, begann jetzt Virginie, »es thut mir leid, Deine schönen Illusionen zerstören zu müssen. Du bist meine beste Freundin, wiewohl ich Deine überpoetische Auffassung des Lebens nicht theile … Wie gesagt, es schmerzt mich aufrichtig, einen Irrwahn, der Dich so sehr zu beglücken und zu begeistern scheint, mit unbarmherziger Hand zerreißen zu sollen … Indeß, es ist besser, ich verfahre schroff … Wozu ein langes Hinhalten, wenn die Enttäuschung schließlich doch unvermeidlich ist …«

»Irrwahn? Enttäuschung?« lächelte Laurentia im Gefühl einer behaglichen Sicherheit.

»Ja, liebe Laurentia, Du befindest Dich in einem traurigen Irrthum. Zunächst muß ich Dir die positive Versicherung geben, daß der Fremde von vorhin nicht Herr Ewald Silberstrom …«

»Silberfluth«, verbesserte Laurentia.

»Gleichviel, Strom oder Fluth … Ich muß Dir die Versicherung geben, daß der Fremde nicht Dein Poet aus dem ›Allgemeinen Anzeiger‹ und überhaupt kein Dichter ist.«

Laurentia lächelte mitleidig. Die Freundin fuhr fort: