»Als Iduna ihn fragte: ›Nehmen Sie auch ein Butterbrod?‹ da antwortete er: ›Ich danke Ihnen wirklich ganz verbindlichst‹. Diese energische und doch zartfühlende Zurückweisung eines prosaischen Antrags, diese halbverhaltene Entrüstung … Virginie, so spricht nur ein Dichter! Verlaß Dich darauf, er ist's, er, er, dessen ideales Bild ich schon so lange in der trunkenen Seele trage!«

»Wer?«

»Nun, wer anders als Ewald Silberfluth, Ewald, der Sänger des »Verlassenen Bergschlosses« und der »Waldbachlieder«, die seit einigen Wochen im Feuilleton des »Allgemeinen Anzeigers« erscheinen. Sein ganzes Wesen erscheint mir als die reinste, vollkommenste Verkörperung dieser duftumwobenen, lichtumspielten Verse entgegen … ›Es rauschen die Wellen zu Thale, die Föhren durchsäuselt der Wind: Umzittert vom scheidenden Strahle, wie glühst Du, mein herziges Kind! Wie pocht Dir die Liebe im Busen, wie flattert Dein wehendes Haar! Ich liebe Dich, schönste der Musen, mein Herz ist Dein stiller Altar.‹ – Fühle es nach, was in diesen Rhythmen wogt, sättige Dich an der Fülle dieser Begeisterung – und dann vergegenwärtige Dir den Mann, der uns vorhin beim Kaffee überraschte. Virginie! Wenn Du dann nicht mit mir ausrufst: Er ist's! – so hat Melpomene's Kuß Dir niemals die Stirne berührt.«

»Ich glaube, Dein Enthusiasmus trübt die Klarheit deines Urtheils. Aber Du wolltest mir ein Bekenntniß machen. Du sei'st nicht schön, sagtest Du …«

»Nein, Virginie – ich bin nicht schön! Meine Wangen sind ein wenig zu bleich – meine Lippen nicht voll genug – meine Arme … Doch wozu ermüde ich Dich mit der Aufzählung meiner Mängel? Nein, ich bin nicht schön – aber … ich habe eine schöne Seele. Sieh, Virginie, das Gemüth des Dichters ist ein süßes, verschleiertes Räthsel. Wer löst seine Widersprüche? … Virginie, Du wirst mich nicht mißverstehen, wenn ich Dir sage: Ich fühle es, daß ich auf Ewald Eindruck gemacht habe.«

Die Freundin antwortete nicht.

»Sieh, Virginie, das Gemüth des Dichters ist ein süßes, verschleiertes Räthsel …«