In Sekunda nämlich ging mit den stillen Tertianern eine eigentümliche Wandlung vor. Das System der Doppelklassen übte hier seine antipädagogische Wirkung. Wenn die Oberstudienräte alles aufböten, um die Schüler zu demoralisieren, so könnten sie keine praktischere Einrichtung treffen, als diese zweijährige Dienstzeit. Sexta, Quinta, Quarta und Tertia waren auf einen Kursus von nur einem Jahre berechnet; in Sekunda aber rückten jedesmal zu Ostern die Tertianer als Untersekundaner ein, während die bisherigen Untersekundaner zu Obersekundanern emporstiegen. Der Unterricht fand gemeinsam in demselben Raume statt. In litteris ward durch diese Verschmelzung manches gewonnen: schon der Umstand, daß man auf diese Weise dem Wetteifer der Jüngeren mit den Älteren ein weites Feld eröffnete, darf nicht unterschätzt werden. In moribus aber verhielt sich die Sache umgekehrt. Es gab keine schroffere Kluft, als die zwischen dem respektvollen Tertianer und dem kecken, krawallsüchtigen Schüler Sekundas. Mit Staunen und Neid sah der zum Untersekundaner avancierte Tertianer die edle Ungebundenheit seiner neuen Mitschüler, und schon nach wenigen Tagen regte sich der Nachahmungstrieb. Derselbe Wetteifer, der auf dem Gebiete der Wissenschaft Gutes erzielte, lieferte auf dem des Betragens die unbequemsten Resultate. Man beobachtete, daß die Phrase: »Sie gehn mir einen Tag auf den Karzer!«, die in Tertia von geradezu niederschmetternder Wirkung gewesen wäre, hier fast ohne Einfluß auf das seelische Gleichgewicht der betroffenen Märtyrer blieb. Man konstatierte, daß diese Obersekundaner absolut aufgehört hatten, an die Furchtbarkeit des diabolischen Schrecknisses zu glauben. Und so verschwand denn auch bei uns Jüngeren rasch die letzte Spur jener Karzer-Religiosität, die uns in Tertia so magisch gebannt hatte. Der Mensch, der die physikalischen Gesetze des Gewitters kennen lernt, hört auf, vor dem Jupiter tonans zu bangen; die Vertrautheit, welche der Astronom mit den Problemen der Verfinsterungen bekundet, tötet die heilige Scheu vor dem Schwinden des Sonnenballs. So verloren auch wir den geheimen Schauder, nachdem wir die Erfahrung gemacht hatten, daß sterbliche Menschen, wie wir, ganz behaglich mit diesem Orkus verkehrten und ohne Herzenskrämpfe den Nachen Charon-Quaddlers bestiegen.

Es war gerade vier Wochen nach Antritt meiner Sekundanerschaft, als ich zum erstenmal für sechs Stunden »unter das Dach« verbannt wurde. Ich hatte, wegen einer kleinen Störung von »vier bis fünf« im Arrest behalten, diese Zeit der Knechtung dazu benutzt, in Gemeinschaft mit zwei Leidensgefährten sämtliche Kleiderhaken des Schulzimmers um ihre Achse zu drehen, ein Prozeß, der mit einer radikalen Zerstörung identisch war. Noch begreife ich nicht, wie unsere Naivität hoffen mochte, die Tat werde unbestraft bleiben. Denn Quaddler, der gewissenhafteste Pedell seines Jahrhunderts, hatte uns sorgfältig eingeriegelt, so daß also die Unmöglichkeit, einen unbekannten Quidam für die Zerstörung des Gymnasialeigentums verantwortlich zu machen, jeder logischen Natur einleuchten mußte. Nur eine Persönlichkeit existierte, der wir unseren Frevel aufbürden konnten: Quaddler selbst, der jedesmal nach Entlassung der Arreststräflinge das Lokal reinigte. Dieser höchst unwahrscheinliche Ausweg mochte unserem Zerstörungstrieb hinreichend bedünken. Kurz und gut, wir hatten die verbrecherische Abdrehung ohne jede Besorgnis vor den möglichen Folgen bewerkstelligt, und mit siegesgewissem Lächeln zogen wir, als die Stunde unserer Haft zu Ende war, an dem öffnenden Quaddler vorüber ins Freie. Der brave Pedell entdeckte natürlich sofort, was seine Schutzbefohlenen gesündigt; und ehe er des folgenden Tages zum drittenmal geläutet hatte, waren wir angezeigt. Mit blödem Zynismus wagten wir, unser Vergehen in Abrede zu stellen. Aber Quaddler stand zu fest in der Hochachtung seiner Gebieter, als daß man sein Zeugnis bezweifelt hätte. So räumten wir denn endlich ein, was nicht länger zu leugnen war, und ernteten als Lohn die beregte sechsstündige Karzerstrafe.

Es war doch ein eigentümliches Gefühl, als man so die enge Treppe hinaufwandelte und zum erstenmal die kahlen, weiß gestrichenen Eingänge der Zellen erblickte!

Quaddler war bei solchen Anlässen stets von ausgezeichneter Höflichkeit.

»Wollen die Herren Sekundaner nur hereinspazieren«, sagte er mit einer chevaleresken Handbewegung; »und dann möchte ich mir gütigst erlauben, daß Sie ja nicht zu viel klingeln, indem von wegen der Störung, weil nämlich die Herren Lehrer, insofern sie den Unterricht erteilen, bei fortwährendem Geklingel nicht fortsetzen können.«

Er hatte seine guten Gründe, der ehrliche Quaddler, warum er die Karzer-Delinquenten stets so höflich apostrophierte. Von jeder Stunde, die wir verbüßen mußten, erhielt er einen Kreuzer süddeutscher Währung, und ich versichere feierlichst, er stand sich nicht übel bei diesem Zuschuß! Mit edler Pflichttreue brachte er jeden Verstoß gegen die Gymnasialgesetze zur Anzeige, und ehe ein Frevler gezüchtigt war, kannte seine moralische Entrüstung keine Grenzen. Sobald aber der Mund des Lehrers die Strafe diktiert hatte, sobald war das sittliche Bewußtsein im Busen Quaddlers befriedigt, und er kehrte die volle Schönheit seiner Humanität heraus. Ja, er empfand etwas wie Liebe für seine Sträflinge; nur mußte man sich völlig der Hausordnung fügen, denn in diesem Punkte war er Pedant.

Er öffnete also und ließ uns eintreten in die Hallen der stummen Verbannung. Wohl gemerkt: jeden einzelnen in ein besonderes Lokal; denn gerade durch das System der Einzelhaft unterschied sich der Karzer von dem milderen Arrest.

Die Türen fielen krachend ins Schloß, die Schlüssel drehten sich um – fast so geschwind wie jene unglückseligen Kleiderhaken –, Quaddler tappte wuchtigen Trittes nach der Türe der Vorflur, schloß auch diese und eilte die Treppe hinunter.

Da saßen wir denn zum erstenmal auf dem Karzer! Das Krachen des Schlüsselumdrehens war das Totenlied unserer Freiheit gewesen.

Verglichen mit dem Arrest, durfte der Karzer für eine weit entschiedenere Absperrung von der bürgerlichen Gesellschaft gelten. Während jener Stunde, die wir zur Abdrehung der Kleiderhaken benutzt hatten, war, wie manchesmal, eine Erholungspause mit behaglichem Fensterschauen verbracht worden. Hier, wo sich das einzige Fenster hoch an der Decke befand, war diese Zerstreuung um so weniger zu erreichen, als das Fenster durch ein starkes Gitter vor unseren Zudringlichkeiten geschützt war. Auch die sonstige Einrichtung unserer Zelle erschien minder behaglich als die Räume Sekundas. Ein kleines, weiß getünchtes Stübchen, dessen einziges Ameublement in einer Pritsche, einem Tisch und einem Stuhle bestand! Und die Pritsche war hart, und der Stuhl war noch härter! Auf dem Tische nahmen sich die wenigen Bücher, die wir mitgebracht hatten, schrecklich verödet aus, und der kleine, schwarze Ofen in der Ecke schien vor Melancholie verrosten zu müssen …