Der geneigte Leser verzeihe die eigentümliche Orthographie, mit der wir die geflügelten Worte des Gymnasialherrschers zu Papier bringen. Herr Dr. Samuel Heinzerling sprach allerdings nicht ganz so abnorm, als unsere Schreibweise vermuten lassen könnte: allein das deutsche Lautsystem gibt uns kein Mittel an die Hand, die spezifisch Heinzerlingsche Klangfarbe genauer zu versinnlichen. Ich, der bescheidene Erzähler, habe selber hundertmal den Vorträgen des Herrn Direktors in stummer Andacht gelauscht und den Heinzerlingschen Vokalismus sozusagen zu meinem Lieblingsstudium erhoben. Solange unser armseliges Alphabet nicht eigene Zeichen für Zwitterlaute zwischen i und e, zwischen u und o usw. besitzt, so lange wird der Historiograph, der sich mit Herrn Dr. Samuel Heinzerling beschäftigt, die von uns vorgeschlagene Rechtschreibung adoptieren müssen.
Der Herr Direktor sagte also: »Non, om so bässer!« und schritt über den langen Korridor den Pforten seiner Prima zu.
Samuel war heute ungewöhnlich früh gekommen. In der Regel hielt er an der Theorie des akademischen Viertels fest. Diesmal hatte ihn ein häuslicher Zwist, über den wir aus begreiflicher Delikatesse den Schleier der Verschwiegenheit breiten, schon vor der Zeit aus dem behaglichen Sorgenstuhle getrieben, in welchem er seinen nachmittäglichen Kaffee zu schlürfen pflegte. Nur so erklärt es sich, daß die Primaner noch nicht daran gedacht hatten, nach Art der Gemsen ihre übliche Wache auszustellen.
Der Herr Direktor vernahm bereits auf dem Korridor einen Heidenlärm. Vierzig dröhnende Kehlen schrien »Bravo!« und »Dakapo!«
Samuel runzelte die Stirn.
Jetzt verstummte das Chorgebrüll, und eine klare, schneidige Stimme begann in komischem Pathos:
»Non, wär wollen äß för diesmal goot sein lassen. Sä haben säch wäder einmal nächt gehärig vorbereitet, Heppenheimer! Äch bän sähr onzofräden mät Ähnen! Sätzen Sä säch!«
Donnernder Applaus.
Der Direktor stand wie versteinert.
Bei den Göttern Griechenlands, – das war er selbst, wie er leibte und lebte …! Ein wenig karikiert, – aber doch so täuschend ähnlich, daß nur ein Kenner den Unterschied herauszufühlen vermochte! Eine solche Blasphemie war denn doch – dem Sprichwort zum Trotze – noch nicht dagewesen! Ein Schüler erfrechte sich, ihn, den souveränen Beherrscher aller Gymnasialangelegenheiten, ihn, den Verfasser der »Lateinischen Grammatik für den Schulgebrauch, mit besonderer Rücksicht auf die oberen Klassen«, ihn, den renommierten Pädagogen, Ästhetiker und Kantianer, von der geweihten Höhe seines eigenen Katheders aus lächerlich zu machen! Proh pudor! Honos sit auribus! Das war ein Streich, wie er nur in der Seele des Erzspitzbuben Wilhelm Rumpf zur Reife gelangen konnte!