Der Religionslehrer bestieg nunmehr den Katheder, faltete die Hände und sprach:
»Lasset uns beten!«
Abermals stand die Klasse auf wie ein Mann, und Samuel Heinzerling blickte wohlgefällig auf diese Kolonnen, die ihn und den Herrn der Heerscharen durch eine so ehrfurchtsvolle Behandlung auszeichneten.
Der Religionslehrer sprach sein Gebet und bat den Allmächtigen, er möge unsern Eingang und unsern Ausgang segnen. Hierauf begann das Examen.
Eine halbe Stunde verstrich, ohne daß uns das Publikum irgend einen Vertreter gesandt hätte. Da endlich knarrte die Tür. Aller Augen wandten sich nach der Schwelle: es erschien der Superintendent Samson, der sich in ganz ungewöhnlichem Maße für die geistige Entwicklung der Jugend interessierte. Verbindlich lächelnd drückte er einem Lehrer nach dem andern die Hand, – aber ganz sachte und insgeheim, um ja nicht zu stören. Dann folgte er mit reger Aufmerksamkeit den Peripetien der Prüfung, öfters mit dem Kopfe nickend und stets so schlau dreinschauend, als ob er wirklich imstande sei, die gestellten Fragen korrekt zu beantworten.
Nach dem Superintendenten erschien der erste Stadtprediger, und dann füllten sich die Hallen so allgemach, bis um elf Uhr der Höhepunkt eintrat.
Ein beträchtliches Kontingent zu diesen Vormittagsbesuchern lieferten die Gymnasiasten selbst, und zwar wohnten die Schüler der unteren Klassen mit Vorliebe den Prüfungen der oberen bei, so daß die Sextaner niemals so zahlreich vertreten waren, als wenn die Prima examiniert wurde.
Des Nachmittags bot der Saal einen weit pittoreskeren Anblick, denn jetzt erschienen auch die Mütter und Schwestern der Examinanden. Der Anblick farbenprächtiger Roben und wallender Hutbänder war in diesen Räumen etwas so Ungewohntes, daß wir bei dem Erscheinen der ersten Dame jedesmal in einen Zustand herzklopfender Aufregung gerieten, zumal wenn die Dame jung und hübsch war. Das Rauschen ihres Gewandes tönte uns lieblicher als Musik, und die kleinen, zierlichen Halbstiefelchen klappten so ganz anders auf den Dielen des Saales als die kolossalen Gehwerkzeuge Doktor Hellwigs.
Samuel Heinzerling war bei diesen Anlässen von einer musterhaften Galanterie. Jeder Zoll seines Wesens atmete Wohlwollen und Ritterlichkeit, wenn er die gnädige Frau oder das verehrte Fräulein nach dem Stuhle geleitete. Nur die Backfische im Alter von 13 bis 15 Jahren behandelte er etwas kühler, denn er wußte, daß gerade diese Sorte seinen Schülern am gefährlichsten war.
Gegen vier Uhr nachmittags hatte sich der Damenflor, der unsere Prüfung schmückte, am reichsten entfaltet. Gar mancher von uns erblickte da auf bescheidenem Rohrstuhle den »Stern seines Lebens«, die »Rose, vom Himmelstau gebadet«, den »Engel, zu gut für diese lieblos rauhe Welt«. Besonders zart organisierte Schüler kamen aus dem Erröten gar nicht heraus; die Mädchen aber steckten die Köpfe zusammen, – und was sie insgeheim miteinander schwatzten, betraf gewiß nicht die Sprachgebräuche des Xenophon.