Während der Nachmittagsprüfung waren wir selbstverständlich weit weniger aufmerksam als des Vormittags. Die Lehrer wußten sehr wohl, daß sie diese rückgängige Bewegung unseres Interesses dem Einflusse des Ewig-Weiblichen zuschreiben mußten. Daher sie denn jetzt vorzugsweise solche Schüler examinierten, die ihnen als erotisch unempfänglich bekannt waren. Es ist wunderbar, wie fein der Instinkt der Lehrer hier das Richtige trifft. In jeder Klasse sind immer drei, vier, fünf exemplarische Jünglinge vorhanden, die ein so stark entwickeltes Pflichtgefühl oder ein so schwach entwickeltes Herz besitzen, daß ihnen die Regeln über den griechischen Optativ ungleich wichtiger sind als der Anblick eines schönen Mädchengesichts. Diese Unempfänglichen werden in so heiklen Fällen besonders aufs Korn genommen, wenn es gilt, rasch eine Querfrage zu beantworten u. dergl. m. Zu einem längeren, wissenschaftlichen Verhör eignet sich unter Umständen auch der verliebte Schüler, – wofern er nämlich auf dem Gebiete, das der Lehrer gewählt hat, sehr sattelfest ist. Es wird ihm alsdann ein besonderes Vergnügen bereiten, in den Augen seiner Angebeteten zu brillieren. Den Horaz übersetzend, schleudert er wohlgezielte Pfeile nach ihrem Herzen. Er beschwört die Lydia, sie möge den Sybaris nicht vor Liebessehnsucht vergehen lassen, und meint dabei sich und Volckmanns blonde Therese. Er verdeutscht die Ode: Quem tu, Melpomene, semel, – und denkt dabei schüchtern an seine eigenen poetischen Versuche, mit denen er die Auserkorene durch Vermittlung seiner Schwester oder auf dem Wege einer anonymen Postsendung heimgesucht. Nickt dann der Superintendent mit beifällig schmunzelnder Miene, so ist der Gymnasiast stolz auf seinen errungenen Triumph, und zerstreut lächelnd folgt er der Aufforderung des Lehrers, sich wieder zu setzen.

Das Klassenexamen ist die einzige Gelegenheit, wo die Primanerliebe innerhalb der vier Wände des Gymnasiums etwas freier aufatmet. Die Klassenprüfung ist ihr Sonnenblick. Hier kann der Lehrer gegen ihre verstohlene Betätigung nichts einwenden. Noch entsinne ich mich des jauchzenden Entzückens, mit dem mir einer meiner Freunde, Paul Schuster, am Schluß des Examens um den Hals fiel, weil diese wenigen Nachmittagsstunden das wieder aufgebaut hatten, was ihm während des Semesters durch die Ungunst der Verhältnisse zerstört worden war.

Paul Schuster liebte eine reizende Blondine, namens Elisabeth. Er besang sie in hundert Liebesliedern. Seine Schwester hatte ihm zugeredet, und so kopierte er das schönste dieser Gedichte auf goldgerändertes Briefpapier, schrieb, von hundert seligen Ahnungen erfüllt, seinen Namen darunter, und barg es in einer zierlichen Enveloppe, auf deren Siegelstelle eine Taube mit dem biblischen Ölzweig prangte. Dann setzte er als Adresse die Worte darauf: »Meiner himmlischen Elisabeth«, und ließ der Holden das Billett durch seine Schwester mit in die Schule bringen. Am Abend erhielt er die Nachricht, das Gedicht habe einen ungeheuren Eindruck gemacht. Elisabeth sei von dem Zauber der wogenden Rhythmen geradezu hingerissen; nur meine sie, der Dichter habe doch hin und wieder gar zu schmeichelhaft übertrieben.

Drei Tage später glaubte Paul Schuster zu bemerken, daß der Direktor Samuel Heinzerling während der Interpretation der Antigone ihm verschiedene Male einen strafenden Blick zuschleuderte. Das Schicksal sollte ihn über die Ursache jenes eigentümlichen Mienenspiels nicht lange in Zweifel lassen. Nach Beendigung der Lehrstunde entbot ihn Samuel auf sein Zimmer. Verwirrt leistete er dieser Aufforderung Folge. Wer schildert seine Empfindungen, als er auf dem Tische des Gymnasialtyrannen sein Billet-doux an Elisabeth wahrnimmt.

»Schoster,« begann der Direktor, »Professor Gönther föhrt Klage, Sä belästägen seine Tochter.«

Paul Schuster glaubte bei diesen Worten Samuels in den Boden versinken zu müssen. Ein jäher Krampf schnürte ihm die Kehle zusammen.

»Herr Direktor,« stammelte er, »wenn Professor Günther dergleichen behauptet, so spricht er die Unwahrheit …«

»Wä, Schoster?« fragte Heinzerling mit schneidiger Stimme, »Sä wollen noch leugnen? Sätzen Sä säch dort einmal auf den Stohl!«

»Aber, Herr Direktor …«