Unter den Ferienarbeiten, mit denen man uns die Flügel ein wenig zu binden hoffte, nahm der deutsche Aufsatz einen hervorragenden Rang ein. Und zwar gab man uns zu wiederholten Malen das Thema: »Wie verbrachte ich meine Ferien?« Diesen Aufsatz schrieb ich stets in der ersten Woche, denn die historische Wahrheit gehörte von je zu den geringsten Verdiensten solcher Arbeiten. Ganz faule und versumpfte Kameraden, die niemals aus eigenem Antrieb ein Buch in die Hand nahmen, gaben sich in dem Ferienaufsatz den Anschein, als hätten sie umfassende Privatstudien im Xenophon und im Curtius geleistet. Die Lehrer nahmen das merkwürdigerweise stets so beifällig hin, daß ich als Obersekundaner den Entschluß faßte, dieses lügnerische Selbstlob einmal auf die Spitze zu treiben. Da war denn in meinem Aufsatz etwa folgender Passus zu lesen:

»Ich erhob mich des Morgens zwischen vier und fünf, nahm in aller Eile den Kaffee ein und verfertigte alsdann bis gegen 10 Uhr lateinische Stilübungen. Hierauf machte ich einen halbstündigen Spaziergang, um sofort wieder an meine Arbeit zurückzukehren. Ich las Corneille, Racine, Molière und Chateaubriand, bis ich zu Tische gerufen wurde, was in der Regel so gegen ein Uhr statthatte. Die Stunden von zwei bis fünf widmete ich dem Griechischen, der Geschichte und der Geographie. Hierauf unternahm ich in Begleitung meines Vaters einen Spaziergang, von dem wir meistens so gegen halb sieben Uhr zurückkehrten. Um sieben Uhr wurde zu Nacht gespeist, und nun arbeitete ich von acht bis elf Mathematik, Physik und Kirchengeschichte. Oft auch habe ich die Mitternacht an meinem stillen Pulte herangewacht, denn ich hatte mir nun einmal fest vorgenommen, eine gewisse Summe von Lernstoff zu bewältigen. Sagt doch schon ein alter Klassiker: ›Wir lernen nicht für die Schule, sondern für das Leben.‹ Meine Mußestunden benutzte ich dann zur Lektüre von Goethe, Schiller, Klopstock, Wieland, Herder, Lessing, Platen, Rückert und Roderich Benedix; auch übersetzte ich viele Oden des Horaz metrisch ins Deutsche. Des Sonntags besuchte ich von neun bis elf die Kirche, hielt mich jedoch, um nicht aufzufallen, meist abseits, weshalb mich die Herren Lehrer ohne Zweifel nur selten wahrnahmen. Einmal war ich zwei Tage lang in Frankfurt, und diese in jeder Hinsicht belehrende Reise will ich hier zum Gegenstand einer ausführlichen Schilderung machen.«

Ich wurde um dieses Aufsatzes willen »wegen Unfugs« mit sechs Stunden Karzer bestraft und dazu beauftragt, dasselbe Thema noch einmal, und zwar in jeder Hinsicht wahrheitsgemäß, zu behandeln.

Drei Tage später also reichte ich dem Lehrer eine neue, von der ersten wesentlich differierende Arbeit ein, die folgenden Passus enthielt:

»Des Morgens schlief ich bis neun, mitunter sogar bis zehn Uhr. Denn, sagte ich bei mir selbst, wozu sollst du dich plagen, wenn du's gut haben kannst? Gearbeitet habe ich nur sehr wenig. Ich erledigte zwar zur Not meine Pensa: im übrigen aber verspürte ich einen seltsamen Abscheu gegen jede Tätigkeit. Man lebt nur einmal auf der Welt, pflegte mein Großonkel Schmidthenner zu sagen. So hielt ich es denn für zweckmäßig, mir die kurze Freiheit recht zunutze zu machen. Fast täglich bestand ich mit Wilhelm Rumpf einen Ringkampf, wobei immer derjenige siegte, der den Untergriff hatte. Solche Übungen sind in jeder Beziehung praktisch. Ich merkte dies bei dem Zwist mit dem Gänsehirten von Wieseck. Der Mann wollte uns ausschimpfen, weil Rumpfs kleiner Pudel ihm die Gänse gejagt hatte. Wir zerbläuten ihn jämmerlich. Hieraus erhellt, daß der Jüngling sich nicht früh genug in körperlichen Exerzitien ergehen kann. Wie sagt schon Horaz? usw. usw.«

In diesem Stile ging es zwölf Seiten lang. Am Schluß meiner tückischen Abhandlung hatte ich die zwölf Stunden Karzer, die ich diesmal eroberte, so vollständig verdient, daß ich mich noch jetzt über die Nachsicht des sonst so leicht erregbaren Lehrers wundere.

»Wie verbrachte ich meine Ferien?«

In der Tat ein trostloses Thema für einen deutschen Gymnasialschüler, der weder lügen, noch seine Lehrer beleidigen will!