Wer vermöchte zu schildern, was ein deutscher Gymnasiast beim Beginn der Ferien empfindet! Sechs lange Wochen! Eine Ewigkeit! Freudig blitzenden Auges und stolz erhobenen Hauptes wandelt man umher, als ob man die ganze Welt besäße! Und zwar ist dieses Entzücken um so aufrichtiger und vollständiger, je weiter abwärts wir uns von der Prima entfernen, – vielleicht nur aus dem Grunde, weil die Empfindung von der Länge der Zeit mit der fortschreitenden Entwicklung des Menschen zusammenschrumpft. Dem Quartaner und Tertianer sind diese sechs Wochen in der Tat ein unbegrenzter Spielraum: das jugendliche Gemüt überläßt sich der Illusion, die Frist könne kein Ende nehmen. Der Primaner dagegen hat sich zu oft schon diese sechs Wochen »von rückwärts betrachtet«; die Erfahrung hat seinen Idealismus auf ein minder grandioses Maß reduziert; er weiß die Summe der Genüsse, die ihn erwarten, bereits annähernd abzuschätzen.

In einem Punkte verwerten die Schüler aller Klassen das Privilegium der Ferien gleichmäßig: im freien Genusse des Morgenschlummers. Das Recht, ohne Rücksicht auf eine bestimmte Stunde in den hellen Tag hineinschlafen zu können, gießt über das ganze Wesen des deutschen Gymnasiasten einen Schimmer der rosigsten Verklärung. Wenn er nachts erwacht und sich, behaglich aufatmend, nach der anderen Seite wendet, so ist das Bewußtsein, am folgenden Morgen den sonst so verhängnisvollen Schlag der Glocke überhören zu dürfen, allein ausreichend, um die Ferien mit dem Gewand eines zauberischen Liebreizes zu umkleiden!

So dämmert der Tag heran. Draußen, in den Zimmern und auf dem Korridor ist schon alles geschäftig: der glückliche Gymnasiast rührt sich nicht. Selbst wenn er längst nicht mehr schlafen kann, hält er noch die Augen geschlossen, bis die Mutter oder die Schwester ihn, weniger aus Gründen der Moral, als mit Rücksicht auf die gestörte Hausordnung, weckt. Nun kleidet der Triumphator sich an, langsam, mit souveräner Verachtung der Zeit, – denn er hat ihrer ja mehr, als er braucht! Nach eingenommenem Frühstück verläßt er das Haus: das ist ein unumstößliches Axiom der Ferienpraxis. Je nach der Verschiedenheit seines Alters und seines Temperaments verbringt er den Vormittag verschieden. Er streift durch Feld und Wald, er schlendert Arm in Arm mit seinem Intimus durch die Gassen, er besucht verstohlenerweise ein Bierhaus und wagt selbst eine Partie Billard. Der Quartaner und Tertianer gibt sich mit seinen Altersgenossen in besonders günstig gelegenen Höfen der Nachbarschaft ein Rendezvous, um zu spielen; er plant tolle Streiche und verabredet Ausflüge in die weitere Umgebung. Vor Mittagszeit aber betritt keiner, weder der Schüler von Quarta, noch der Oberprimaner, die elterliche Wohnung.

Nach Tische treibt sich der Feriengymnasiast zum Leidwesen seiner Angehörigen in störender Weise auf den Kanapees und Sesseln herum; trällert ein Lied, worüber seine ältere Schwester nervös wird; neckt seine jüngeren Brüder; nimmt eine illustrierte Zeitschrift zur Hand, trotz der wiederholten Versicherung des Vaters, das sei keine Lektüre für ihn; fragt, ob nicht bald Kaffee getrunken werde; stemmt seine Stiefel wider die polierten Tischfüße, legt sich ins Fenster oder verklebt seiner Mutter das Schlüsselloch des Nähtischchens mit Wachs. Die Aufforderung, er möge etwas arbeiten, beantwortet er mit einem wohlwollenden Lächeln.

»Erst will ich mich ausruhen«, sagt er, behaglich die Arme reckend.

Wenn man das so mit ansieht, man sollte meinen, der Ärmste habe Monate lang Dienste in einer Tretmühle geleistet.

Der Nachmittag wird, je nach der Jahreszeit, zu Ausflügen in die umliegenden Bierdörfer, zu Fensterpromenaden, zu Skatpartien, zu Kahnfahrten und dergleichen benutzt, und der Abend bringt oft nur eine Fortsetzung des Nachmittags.

Dieses lustige, ungebundene Leben erfährt eine gelinde Trübung durch den Hinblick auf die Ferienarbeiten, die in einigen Gymnasien nicht ganz ohne Belang sind.

Ich meinesteils habe meine Pensa stets schon in der ersten Woche begonnen und so unter der Hand ohne ernstliche Schädigung meines Wohlgefühles erledigt. Die meisten Schüler warten jedoch bis zuletzt und verderben sich den Schluß der Ferien von Grund aus. Es leuchtet ein, daß die von mir befolgte Methode gerade vom Standpunkt des Epikuräers aus die einzig richtige ist, – auch richtiger als das andere Extrem, während der ersten Tage alles auf einmal zu absolvieren.