Ferien.
Gegen Schluß des Semesters tritt in der Stimmung des deutschen Gymnasiasten eine seltsame Wandlung ein. Bis dahin hat er die Knechtschaft des Stundenzwanges mit jener edlen Resignation hingenommen, die der Weise einem unabwendbaren Übel entgegenbringt. Jetzt mit einemmal ergreift ihn ein selbstbewußter, beinahe trotziger Frohsinn. Noch leistet er den Befehlen des Lehrers Folge, aber sein Gesichtsausdruck steht mit dieser äußeren Unterwürfigkeit in schroffem Gegensatze. Auf der lächelnden Lippe schwebt ein unausgesprochenes Wort, das, ins Verständliche übertragen, ungefähr also lautet: »Ich gehorche! Ich stehe unter deiner Botmäßigkeit! Aber der Tag der Befreiung naht auf Sturmesflügeln! Wenn er erscheint, dann wehe dem Grundgesetz deiner Herrschaft!« Strafen, die sonst eine niederschmetternde Wirkung ausgeübt hätten, werden jetzt gleichgültig, ja fast mit offenem Hohn ertragen: der Skorpion des Absolutismus hat seinen Stachel verloren.
Wer in der Völker- und Staatengeschichte einigermaßen bewandert ist, der wird sich erinnern, daß ähnliche Stimmungen von jeher den Verschwörer am Vorabend der Entscheidung beseelt haben. Genau so dachte und fühlte der Neger, der unter Toussaints Führung die Fesseln seiner langjährigen Sklaverei sprengen sollte. Hätten die Plantagenbesitzer von St. Domingo ein deutsches Gymnasium besucht, sie wären niemals von den schwarzen Bataillonen überrumpelt worden. Der deutsche Gymnasiallehrer weiß nur zu genau, was jener Stimmungswechsel bedeutet. Er weiß, daß es die Perspektive auf die Ferien ist, die seiner Klasse so rebellisch die Adern schwellt.
Ferien! Das Wort hat für einen deutschen Gymnasiasten etwas Zauberisches! Schon viele Wochen im voraus wird bis auf den Tag und die Stunde berechnet, wie lange man noch auf den harten Subsellien zu schmachten hat. Die Phantasie eilt der Wirklichkeit in rauschendem Fluge voraus und bevölkert die Zukunft mit den beglückendsten Lichtstrahlen. Man entwirft Pläne; man gelobt sich, die anderthalb Monate diesmal so recht gründlich und nach allen Richtungen hin auszukosten. Man überläßt sich einer poesievollen Zerstreutheit, die sich von Woche zu Woche steigert und zuletzt in die vollendete Träumerei ausartet.
Mir und meinem vielgenannten Freund Wilhelm Rumpf war diese gesteigerte Spannung so unerträglich, daß wir den Freitag und den Sonnabend vor dem Beginn der Ferien jedesmal schwänzten. Zur gewohnten Stunde ergriffen wir unsere Schreibmappen und traten ins Freie. In dem kleinen Tempel der städtischen Promenade, der zu dieser Frist völlig verwaist stand, gaben wir uns ein Rendezvous und beratschlagten, was den Tag über zu beginnen sei. Wenn wir einen Entschluß gefaßt hatten, stellten wir unsere Uhren mit ängstlicher Genauigkeit nach der großen Turmuhr der Stadtkirche und verloren uns dann, halb Kinderspiele, halb Gott im Herzen, seitwärts in die Felder. Ganz besonders entzückend waren diese illegitimen Ausflüge am Schluß des Sommersemesters. Eine prächtige Landschaft, die noch im reichsten Festgewand strahlte, ein tiefblaues Himmelsgewölbe, und auf allen Hügeln und Hängen ein überschwenglicher Segen des köstlichen Obstes, – was brauchten wir mehr, um glücklich zu sein? Die Freude über den wolkenlosen Septembertag paarte sich mit dem Triumphgefühl über die gelungene Entweichung. Jauchzend strichen wir durch die einsamen Nußgärten und füllten uns, dem siebenten Gebote zum Trotz, die Taschen. Gegen zehn nahmen wir in der nächsten ländlichen Schenke einen Imbiß, dessen Mangelhaftigkeit durch den Glanz unserer Gemütsverfassung ersetzt wurde. Eine Stunde später rüsteten wir uns zum Heimweg. Es galt, rechtzeitig in der Behausung einzutreffen, denn die Sache sollte den Anschein haben, als kämen wir direkt aus dem Gymnasium.
Auf diese Weise verbrachten wir den Freitag und den Sonnabend. Wie Leander die Hero, so besuchten wir die Göttin der Freiheit unter dem Deckmantel des Geheimnisses … Für kurze Zeit hat dieser verstohlene Umgang einen unendlichen Reiz: auf die Dauer aber sehnt man sich nach dem festen Besitz. So hatten wir denn beim Läuten der Sonntagsglocken gerade genug an dem heimlichen Raube, und wonnetrunken begrüßten wir unser rechtliches Eigentum, – die Ferien!