Dann fuhr der Direktor fort:
»Prämien erhalten än däser Klasse:«
Und nun folgte das kurze Verzeichnis der wenigen Auserwählten. Dieses Verzeichnis schrumpfte, je höher man in der Reihe der Klassen hinaufstieg, immer mehr zusammen. In Prima gab es nur ganz ausnahmsweise Prämien:
»Dä Prämaner taugen alle nächt väl«, so pflegte Samuel privatim diese Maßnahme zu motivieren.
Zu Ostern fand am Schlusse der Prüfungen zuweilen ein sogenannter Aktus statt, bei dem das schöne Geschlecht noch zahlreicher vertreten war als beim Examen. Gedichte, deutsche und lateinische Reden, Gesänge und sonstige musikalische Vorträge waren der Gegenstand dieser nachmittäglichen Feier, an der sich nicht nur die Schüler, sondern auch die Lehrer aktiv beteiligten. So entsinne ich mich eines trefflichen Vortrags, den Samuel Heinzerling über die Wirkung der echten Humanität hielt. Doktor Brömmel, der Zwillingsvater, sprach wiederholt über die Bevölkerungsverhältnisse der europäischen Staaten; er wies darauf hin, daß Deutschland das rivalisierende Frankreich immer mehr zu überflügeln verspreche, eine Wahrheit, die von Emanuel Boxer mit der malitiösen Bemerkung begleitet wurde: »Daran ist niemand schuld, als Doktor Brömmel!« Der »Herr Pastor« ließ sich über das griechische Schisma vernehmen, ein Thema, von welchem Boxer behauptete, daß es die anwesenden Damen nur zur Hälfte verstehen würden. Doktor Perner endlich gab Bilder aus der neueren Literaturgeschichte. Leider waren meine Gymnasialhumoresken damals noch nicht geschrieben, sonst würde er sie ohne Zweifel mit Enthusiasmus erwähnt haben.
Gegen sechs Uhr trat man den Heimweg an. Jedermann befand sich in einer rosigen Stimmung. Nur die Sitzengebliebenen ließen elegisch die Köpfe hängen und gelobten sich, im neuen Semester Rache zu üben für die erlittene Kränkung.
»Das habe ich dem Doktor Perner zu danken«, sagte der eine.
»Mich hat der Brömmel ins Verderben geritten! Für das nächste Jahr wünsche ich ihm Drillinge!«