»Herr Direktor,« stöhnte er verzweifelt, »ich glaube bis jetzt noch keine Veranlassung gegeben zu haben …«
»Das habe äch auch nächt behauptet. Aber dä bästen Schöler werden äm Handomdrehen leichtsännäg, wenn sä anfangen, säch mät solch kändäschem Tand abzogeben. Äch habe Sä non gewarnt.«
Der Direktor entließ ihn. Paul Schuster hielt nur mit Mühe die Tränen zurück. Er kam sich so erbärmlich, so namenlos lächerlich vor, daß er zu jedem Entschluß unfähig war. Zu Hause angelangt, überlegte er. Nach mehrstündigem Hin- und Hersinnen kam er zu dem Resultat, daß ihm nichts anderes übrig bleibe, als Elisabeths Vater persönlich aufzusuchen. Trotzig erhobenen Hauptes machte er sich auf den Weg. Er ward nicht vorgelassen. Was tun? Eine halbe Minute lang schwankte er, ob er sich nicht mit Gewalt den Weg in das friedliche Studierzimmer bahnen und im Tone eines beleidigten Theaterhelden Rechenschaft fordern sollte für die zwiefach kränkende Unbill. Bald aber gewann die vernünftige Erwägung die Oberhand. Der eben noch so heroische Primaner zog ab. Wie ein verschmähter Freier schlich er gesenkten Blickes nach Hause, warf sich mit geballten Fäusten langwegs auf das Sofa und heulte.
So war das poesiereiche Verhältnis zu Elisabeth meuchlings zertrümmert worden. Allerhand kleine Mißverständnisse hatten dazu beigetragen, den Sturz der Ideale zu vervollständigen.
Und nun kam die Klassenprüfung. Elisabeth erschien reizender als je. Sie nahm in der vordersten Reihe Platz. Zwei Stunden lang kreuzten sich die Blicke der beiden Liebenden, und dieser stumme Depeschenwechsel reichte aus, beiden die Gewißheit zu geben, daß sie »einander noch angehörten«. Am Schluß des Examens erntete Schuster ein Lächeln, das ihm den letzten Zweifel benahm … Glücklicher Schuster!
Ich wiederhole es: Das Klassenexamen ist der Lichtblick der scheuen Primanerliebe!
Doch kehren wir aus dem Speziellen ins Allgemeine zurück, und erzählen wir den weiteren Normalverlauf der Semesterprüfung.
Am Abend des dritten Tages bestieg Samuel Heinzerling den Katheder und verkündete die Prämien und die Versetzungen. Ein feierlicher Moment! Der Direktor wußte denn auch der Bedeutsamkeit des Augenblicks in jeder Hinsicht gerecht zu werden. Seine Stimme klang fast wie die Posaune des Jüngsten Gerichts, wenn er begann:
»Von Onterpräma nach Oberpräma röcken auf:«
Und nun folgte die Liste. Die nicht erwähnten Schüler waren zu ewiger Verdammnis – ich will sagen, zum Sitzenbleiben für ein weiteres Semester verurteilt.