Allerlei Unarten.
So oft der Sterbliche in den Schatz seiner Gymnasialerinnerungen zurückgreifen mag, stets wird er finden, daß die Reichhaltigkeit und Fülle dieser Reminiszenzen unerschöpflich ist. Stets wird er ein neues Bild, eine neue Situation entdecken, an die er vielleicht seit Jahren nicht mehr zurückgedacht hat. Und wenn er das alles unter dem entsprechenden Gesichtswinkel zu betrachten weiß, so stellt sich ihm hier eine Welt im kleinen, eine vorgreifende Gestaltung all seiner späteren Erlebnisse dar, die sich zu dem Treiben der großen und wirklichen Welt etwa verhalten mag, wie das Puppenspiel der kleinen Mädchen zu den Freuden des Mutterglücks.
Es ist dies schon mit Rücksicht auf den beträchtlichen Zeitraum, den der heranreifende Mensch in den Mauern des Gymnasiums zu verbringen hat, mehr als erklärlich. Da die Länge der Zeit nicht füglich allein nach der Summe von Erdumdrehungen, die zwischen zwei bestimmten Terminen stattfinden, berechnet werden darf, sondern vielmehr nach der Summe von Eindrücken, die das Gemüt und der Intellekt empfangen, so darf man kühnlich behaupten: wir verbringen die Hälfte unseres Lebens unter der Botmäßigkeit der Gymnasialtyrannen. Schopenhauer hat in seiner Abhandlung über den Unterschied der Lebensalter sehr treffend nachgewiesen, daß der Mensch etwa mit dem zwanzigsten Jahre die subjektive Hälfte seiner Existenz hinter sich hat. Die Jahre der Kindheit sind ungleich inhaltsreicher und daher subjektiv ungleich länger als die des Mannes- und Greisenalters. Dem jugendlichen Geist ist fast jede Erscheinung der Außenwelt neu, – und daher in einem gewissen Sinne epochemachend. Der Greis hat sich dagegen längst eine intellektuelle Blasiertheit angeeignet: es bedarf somit schon außerordentlicher Ereignisse, um ihn ernstlich zu influieren. Die Tage fliehen ihm dahin wie im Sturme; das Kommen und Gehen der Jahreszeiten, das dem Kinde als eine Umgestaltung des ganzen Daseins erscheint, macht ihm den Eindruck regelmäßiger Vibrationen; und die Wunschlosigkeit seiner Seele entkleidet die Dinge jenes Kolorits, das sie dem Kinde so wichtig und interessant macht. Kurz, die acht oder neun Jahre, die wir auf den Subsellien unserer Schulen versitzen, wiegen reichlich die vierzig oder fünfzig auf, die das Schicksal uns nachher noch vorbehalten hat, und die Erlebnisse der Gymnasialzeit bilden somit den größten Teil unserer Persönlichkeit. Es kommt noch hinzu, daß die Erinnerung jene frühesten Eindrücke weit lebhafter und frischer reproduziert als alles, was das Leben später hinzufügt. Selbst gedächtnisschwache Greise, die nach einer Viertelstunde vergessen haben, was unter ihren Augen vorgegangen ist, bewahren in der Regel die Bilder ihrer Kindheit in den lebhaftesten Farben, – zu einer Zeit also, wo das Gehirn längst aufgehört hat, neue Begebnisse mit einiger Zuverlässigkeit aufzuspeichern.
Den eigentlichen Reiz der Gymnasialerinnerungen kann nur derjenige begreifen, der selbst ein Gymnasium besucht hat, – daher ihr Zauber denn in der Regel von Frauen nur in sehr fragmentarischer Weise gewürdigt und nicht selten absolut mißverstanden wird. Ich erinnere mich, daß eine meiner zahlreichen, im übrigen höchst achtbaren und liebenswerten Großtanten bei dem Bericht einiger Gymnasialstreiche, die ich zum besten gab, in ein so bedenkliches Stadium sittlicher Entrüstung geriet, daß ich an mir selbst irre ward und mich fragte, ob ich denn in der Tat jenes ruchlose Geschöpf sei, das die treffliche Matrone im Sinn hatte, wenn sie von einem unverzeihlichen Mangel an Pietät und Gesittung redete. Aber bald fand ich Trost in dem Gedanken, daß es dem Blinden nicht vergönnt ist, über die Farben zu urteilen, und mein schwankendes Selbstgefühl gewann das Gleichgewicht wieder. In der Tat, aus der Ferne läßt sich die Situation des Gymnasiasten durchaus nicht begreifen. Er steht dem »Herrn Professor« oder dem »Herrn Doktor« in jeder Beziehung anders gegenüber, als z. B. der Privatschüler dem Privatlehrer oder der Hausschüler dem Hauslehrer. Es wird keinem vernünftigen Menschen beifallen, in den Flegeleien, die eine der letztgenannten Spezies in Szene setzen könnte, etwas Witziges oder Amüsantes zu erblicken. Zum wahren Wesen einer humoristischen Schülerungezogenheit gehört als erste Bedingung der Hintergrund eines öffentlichen Schulsaales und die gleichzeitige ideale Beteiligung von dreißig bis fünfzig gleichgesinnten Seelen. Nur hier ist ein eigentlicher »Streich«, eine originelle Täuschung des Lehrers, eine graziös-perfide Störung möglich, denn die beträchtliche Ausdehnung des Terrains und die große Anzahl der Mitschüler eröffnet die Wahrscheinlichkeit, daß der Urheber dieser Unarten geheim bleibe oder doch erst nach langen, erheiternden Zwischenfällen entdeckt werde. Der ungezogene Privatschüler gleicht dem brutalen Raubmörder, der den arglosen Wanderer überfällt und mit Kugel oder Stahl zu Boden streckt, ein Akt, dem jegliche Pointe fehlt, weil eben nichts dazu gehört, als eine freche Stirn und eine Geringschätzung der Guillotine. Der verschlagene Brigantenhäuptling dagegen, der sein Opfer mit hundert Netzen umgarnt und ihm unter Beibehaltung aller äußeren Formen der Höflichkeit die Freiheit raubt, um erst nach erhaltenem Lösegeld das Sequester wieder aufzuheben, der geniale Spitzbube des Märchens, der seinem Oheim das Bettuch unter dem Leibe wegstahl und den Pfarrer samt dem Küster aus dem Predigerhaus entwandte, um das würdige Paar, in einen Sack eingeschnürt, neben die Schinken des Rauchfangs zu hängen: ein solcher Virtuos des Verbrechens, ein solcher Paganini der Gaunerei hat Anspruch auf unsere ästhetischen Sympathien. Und wie dieser humoristische Frevler zum Raubmörder, so verhält sich der ungezogene Gymnasialschüler zu den obenerwähnten Kategorien und zu allen übrigen Nicht-Gymnasiasten.
Im Grunde sind die Missetaten der Sekundaner und Primaner so harmlos! Ich kenne eine Reihe höchst achtbarer und wissenschaftlich durchbildeter Lehrer, die gar nicht mehr existieren könnten, wenn ihre Schüler nicht ab und zu die gewitterschwüle Luft des Schulsaales durch eine erfrischende Ungezogenheit reinigten. Die »goldenen Rücksichtslosigkeiten« Theodor Storms bewähren sich auch hier: Nichts ist langweiliger, als ein Saal voll wohlgesinnter, braver Schüler, die ein braver, wohlgesinnter Lehrer in den Elementen des Wissens unterrichtet; und kein Lehrer wird von jener gemütstieferen Sorte von Schülern, die wir mit dem Gesamtnamen der Ungezogenheitsfähigen bezeichnen wollen, minder geliebt und geachtet als der stirnumrunzelte Schultyrann, der jede Bewegung nach rechts oder links wie ein Verbrechen ahndet und in Krämpfe verfällt, wenn Müller bei seinem Nachbar Stipelius sotto voce anfragt, wieviel Uhr es sei. Proh pudor! Ist denn die Schule ein Zuchthaus? Verblendeter Autokrat! Wenn Du wüßtest, welche Flüche Dir im stillen nachgesandt werden, sobald Du mit Deinen langen Beinen durch die Tür geschritten bist! Wenn Du die Nasen sähest, die Stipelius Dir dreht, sobald Du den Kopf wendest, und wenn Du die Verse gelesen hättest, die Holzmeier neulich auf Deine liebende Gattin dichtete! Alles, was Dich und Deine Familie angeht, ist ein Gegenstand des ausgelassensten Spottes für Deine sämtlichen zweiundfünfzig gepeinigten Schüler, und die noms de guerre, mit denen Dich ihre geheime Rachsucht belegt, sind Legion.
Wie anders ergeht es dem liberalen Denker, der sich daran erinnert, daß auch er vor so und so viel Dezennien auf diesen Bänken saß und ab und zu unter dem Tische Sechsundsechzig spielte! Ich hatte mich während der letzten vier Jahre meiner gymnasialischen Laufbahn eines so seltenen Mannes zu erfreuen, und ich wüßte nicht, daß derselbe auch nur ein einziges Mal in eine komische Situation geraten wäre. Solange ein Schüler nicht ernstlich störte oder kein allzu eklatantes Ärgernis gab, so lange ignorierte dieser Weltweise selbst die schwersten Verstöße gegen die Gymnasialordnung: war die Grenze, die seine Nachsicht gezogen hatte, überschritten, so verhängte er mit einer freundlichen Gelassenheit die zermalmendsten Strafen und fuhr dann ohne weiteres im Unterricht fort. Es lag beinahe etwas Wohlwollendes in seiner Stimme, wenn er plötzlich vom Buche aufsah und, über die Brille hinweglugend, irgend einem verblüfften Rebellen zurief: »Boxer, Sie haben drei Tage Karzer!« Keine Spur von Erbitterung malte sich dabei auf seinen philosophischen Zügen. Wer die Sprache nicht verstanden und bloß nach dem Klang der Worte geurteilt hätte, der wäre befugt gewesen, eine Phrase zu vermuten, wie »Bitte, schließen Sie doch das Fenster«, oder »Ich glaube, es zieht da hinten«.
Boxer, dem diese unerwartete Anrede öfters begegnete, versuchte niemals zu replizieren, denn er wußte, daß Sträuben und Schweifwedeln hier gleich vergeblich waren. Schweigend starrte er vor sich hin und faßte, von bitterer Reue ergriffen, den lobenswerten Entschluß, in Zukunft seine Karten etwas tiefer zu halten.