Dieses Jahr in Tertia war das unglücklichste meines Lebens.

Ein Kapitel aus Curtius langweilte mich; ich verspürte das unwiderstehliche Gelüste, mit meinem Nachbar über irgend einen erheiternden Gegenstand zu plaudern; aber das Prämium trat wie ein Gespenst zwischen mich und diesen beglückenden Plan, und das Wort erstarb mir auf den Lippen.

Ich machte einen nachmittäglichen Spaziergang. Die Zunge klebte mir am Gaumen, und ich fühlte den Drang, in die nächste Kneipe einzukehren und auf das Wohl Samuel Heinzerlings ein Glas Bier zu trinken. Sofort erinnerte ich mich des Paragraphen der Gymnasialstatuten, der besagt, daß den Schülern dieser Pflanzstätte des Wahren, Schönen und Guten der Genuß geistiger Getränke ein für allemal untersagt ist, – und ich ließ den verlockenden Kelch seufzend vorübergehen.

Die Kommilitonen führten irgend einen köstlichen Streich aus; meine ganze Seele rang nach aktiver Beteiligung, aber ich wußte, daß es mit dem Prämium aus war, wenn ich mich auch nur eines einzigen Vergehens schuldig machte, und so erstickte ich meine Sehnsucht und blieb, was zu sein ich mir vorgenommen: ein braver Schüler.

Das Osterfest des folgenden Jahres kam heran. Ich erhielt mein Prämium in Gestalt eines Kiepertschen Atlas, und vorn in zierlich lithographierten Zügen stand die wunderbare Tatsache zu lesen, daß ich ein Jahr hindurch die volle Zufriedenheit meiner sämtlichen Lehrer erworben hatte.

Mit diesem Kleinod im Arm eilte ich nach Hause; aber schon unterwegs legte ich den feierlichen Schwur ab: niemals und unter keiner Bedingung wieder nach einem Prämium zu streben, sondern meinen Gefühlen freien Lauf zu lassen und mich ohne Rückhalt dem Kultus der beglückenden Göttin Ungezogenheit zu widmen. Ich habe den Schwur redlich gehalten; auch meine Eltern haben sich später mit dem Ausbleiben der Prämien zu versöhnen gewußt. Sie mochten so etwas wie eine dämmernde Ahnung von dem haben, was in mir vorging, und da ich ja nun überhaupt einmal gezeigt hatte, daß es mir, wenn es absolut sein mußte, wohl möglich war, ein ganzes Jahr hindurch die Qualen der Artigkeit zu ertragen, so fiel es ihnen leichter, auf die Beweise einer fortgesetzten guten Aufführung zu verzichten.

Ich aber betrachte noch jetzt das Jahr in Tertia als einen Fehler in meinem Lebensplan, und hundertmal hab' ich mir zugerufen: annum perdidi! Nein, ihr Gestrengen, die Ungezogenheit ist das eigentliche Element des Gymnasialschülers, und so wenig der Fisch im Extrait double de violette existieren kann, so wenig ist es dem Alumnen einer modernen Bildungsanstalt möglich, die Luft eines Nonnenpensionats einzuatmen. Für die Töchter gebildeter Stände mag die »Gezogenheit« ihre Vorteile haben. Den jungen Leuten, die sich im Laufe der Dezennien zu Bürgern einer freien Nation entwickeln und das Material liefern sollen zu dem großen mitteleuropäischen Kulturstaat, den deutschen Knaben und Jünglingen lasse man das Privilegium der Flegeljahre und die süßen Träume der Jugendeselei, denn nur so können sie gedeihen.