»Schweig' und setz' Dich«, sagte der Lehrer mit Würde; »ich will nicht so grausam sein, Dich zu massakrieren.«

Ich war froh, daß die Komödie vorüber war, denn besonders behaglich hatte ich mich bei dieser Interpretation deutscher Volkslyrik doch nicht gefühlt, und besser, in den Abgrund geschleudert zu werden, als in peinvoller Schwebe über der Tiefe zu hangen.

Auch diese geschichtlichen Lektionen reproduziert mir der Traum oft in erschreckender Weise, und ich fühle ganz deutlich, wie sich mir das Fatum in Gestalt eines bleiernen Druckes auf die Gurgel legt, wenn der Professor mich auffordert:

»Geben Sie uns nun einmal eine kurze Darstellung der Situation Europas nach Beendigung der Völkerwanderung.«

Mit allen zehn Fingern wühle ich mir im Gehirn herum, aber die Situation will nicht klar werden, und nur das dunkle Bewußtsein, daß es damals in Europa sehr wüst und unordentlich ausgesehen, tröstet mich über die wüste Unordnung in dem eigenen Schädel. Dann plötzlich suche ich mir dadurch zu helfen, daß ich Nasenbluten bekomme oder mich in der Wade vom Krampf ziehen lasse, ein Mittel, das ich allen verlegenen Primanern aufs wärmste empfehlen kann. Nur im Traum will es nicht verfangen.

»Das kennt man«, sagte der Lehrer geringschätzig. »Ich bin auch einmal Primaner gewesen, aber mich hat niemals der Krampf gezogen. Erzählen Sie nur ruhig weiter, oder machen Sie sich auf drei Tage Karzer gefaßt!«

Die Tage Karzer regnen nur so, wenn ich träume. Ich habe freilich auch im Wachen gar manche schöne Stunde unter dem Dachfirst des Gymnasialgebäudes geschmachtet, aber der Traum treibt es doch noch verschwenderischer als die Wirklichkeit. Zudem sehe ich im Traum gar kein Mittel ab, die Verbüßung der verhängten Strafe zu hintertreiben, während ich tatsächlich dies mit einer Meisterschaft verstand, vor der ich noch jetzt eine gewisse Hochachtung empfinde. Es traf sich nicht selten, daß ich während einer einzigen Woche von drei Lehrern zugleich mit sechs Stunden Karzer belegt wurde. Ich meldete mich dann eines schönen Tages bei dem Pedell und sagte: »Herr Quaddler, ich habe auch noch die sechs Stunden Karzer abzusitzen, die der Herr Doktor mir verordnet hat«. Der brave Pedell glaubte sich bei dieser Bezeichnung »der Herr Doktor« beruhigen zu dürfen, und ich klomm die Treppe hinan. Ein paar Tage später kam der erste der drei Lehrer und erkundigte sich, ob der Verurteilte sich gemeldet habe. Quaddler bejahte. Dann erschien der zweite. Quaddler bejahte abermals. Und beim dritten bejahte Herr Quaddler zum drittenmal. Der Gedanke, daß ein Schüler dreimal in einer einzigen Woche von drei verschiedenen Lehrern der Freiheit beraubt werden könne, war ihm so unfaßlich, daß seine arme Seele ihn gar nicht in Berechnung zog. Er hielt die Erkundigungen der Lehrer einfach für Beweise eines besonderen Interesses, das sie an meiner Persönlichkeit nahmen, und so erledigte ich denn nicht selten drei und vier Strafen auf einmal, – eine stenographische Methode des Absitzens, die ihre unleugbaren Vorteile hat. Nur im Traume will sich dies oft bewährte Mittel nicht anwenden lassen: Quaddler, der in Wirklichkeit einer der gutmütigsten Menschen unter der Sonne war, kontrolliert hier auf einmal mit der Bosheit eines Inquisitionsrichters, und selbst seine Tochter, die sanfte, rosige Anny, denunziert mich bei Samuel Heinzerling wegen unterschlagener Bußestunden.

So rächt sich das Einst an dem Jetzt, weil das Jetzt seine Befriedigung darüber ausdrückt, daß es von den Ketten des Einst befreit ist. Alles gleicht sich im Leben aus. Wer bei Tage mit dem Hut in der Hand an der Kirchentür sitzt und um Almosen fleht, der besteigt nachts im süßen Delirium der Träume vielleicht den Thron Frankreichs oder den Stuhl Petri, und wem das Schicksal die Krone aufs Haupt gedrückt hat, der beschäftigt sich, wenn Morpheus ihn eingewiegt hat, vielleicht mit dem Verkauf alter Zahnstocher oder mit dem Waschen gebrauchter Whistkarten.

Es gab nur ein Mittel, um sich beim Herannahen des Lenzes den Druck der Gymnasialfesseln weniger fühlbar zu machen: die Wonne der Ungezogenheit. Ihr Weisen, Frommen und Gerechten, ich sehe schon wieder im Geiste, wie ihr die Stirn runzelt. Aber ihr wißt nicht, daß die Ungezogenheit den eigentlichen Lebenskern, ja, die einzige und echte Poesie des Gymnasiallebens ausmacht. Nimm einer deutschen Nähterin ihren Sonntagnachmittag, und du knickst ihr die Blüte des Daseins; nimm einem Gymnasiasten das Privilegium der Ungezogenheit, und du bohrst ihm den Dolch der Verzweiflung ins Herz. Ich weiß ein Lied davon zu singen! Ein volles Jahr hindurch habe ich mich, von einem düsteren Vorurteil irre geführt, mit eigener Hand dieses köstlichen Privilegiums entkleidet – und gelitten, wie ein Prometheus am Felsen. Ich will dem geneigten Leser zum Schluß auseinandersetzen, wie dies zusammenhing.

Als ich in die Quarta des städtischen Gymnasiums eintrat, war ich ein frommes Kind von zwölf Jahren, das an nichts Böses dachte und sein Dasein gestaltete, wie die Götter es fügten, – ohne Besorgnis vor dem Stirnrunzeln der Lehrer, ohne Rücksicht auf Lob und Strafe. Die Folge dieser kindlichen Unbefangenheit war, daß ich mir eine Reihe empfindlicher Mißtrauensvota zuzog und am Schluß des Jahres eine im Punkte des Betragens sehr bedenklich nuancierte Zensur mit nach Hause brachte, während drei oder vier meiner Kameraden »wegen Fleißes und guten Betragens« ein Prämium erhielten. Dieses Prämium, das den andern zugefallen und mir vom Schicksal vorenthalten worden war, bildete während der folgenden Osterferien in meinem elterlichen Hause das tägliche Tischgespräch. Man sah es wie eine Kränkung der Familienehre an, daß ich leer ausgegangen sei, und ließ mich dies so schmerzhaft empfinden, daß ich den heroischen Entschluß faßte, im nächsten Jahre meinen Aufenthalt in Tertia dazu zu benutzen, eine solche amtliche Bestätigung meines »Fleißes und guten Betragens« im Schweiße meines Angesichts zu verdienen.